Die Beisshemmung
Das Wort "Beisshemmung" geistert durch alle Hundebücher und jeder hat schon mal davon gehört, daß ein normaler Hund eine Beisshemmung gegenüber Unterlegenen oder auch Welpen hat bzw. haben soll ( "Welpenschutz" ).
Was ist aber diese "Beisshemmung" genau und woher kommt sie?
Generell gilt, daß die "Beisshemmung" verhindert, daß fest zugebissen wird, denn darauf reagiert der Gegner ebenfalls mit festem Beißen. Bei den Wölfen (sehr harte Lebensbedingungen) ist jede Verletzung lebensbedrohlich (Entzündungen usw). Ein System, das solche unnötigen Verletzungen verhindert ist daher sinnvoll; Rudel in denen die "Beisshemmung" nicht da war starben schnell aus.
Wie entsteht "Beisshemmung"?
Welpen beißen beim Spiel anfangs sehr hart zu und akzeptieren auch Unterwerfungs- oder Beschwichtigungssignale nicht. Grund dafür ist, daß diese Signale zwar angeboren sind, die Bedeutung der Gesten aber erst erlernt werden muß. Dies geschieht im Spiel - der Welpe merkt, daß eigenes festes Zubeißen wiederum Beißen des Partners zur Folge hat, also weh tut. Die Beisshemmung wäre demnach ein durch Lernprozeß bedingter und auf der Angst vor Schmerz beruhender Mechanismus der Verletzungen im Rudel weitgehend verhindert.
Aber auch angeborene Hemmungsmechanismen scheinen vorzuliegen (besonders vorsichtiges Verhalten Welpen gegenüber). Diese kommen unterlegenen Tieren beim Demutsverhalten zugute, bei dem sie sich wie Welpen verhalten, sich also scheinbar völlig hilflos dem Ranghöheren ausliefern und sich so dessen Beisshemmung gegenüber Welpen zunutze macht.
Gilt "Beisshemmung" in allen Situationen?
Beschwichtigende Verhaltensweisen wirken nur dann beschwichtigend, wenn die Situation von vornherein nicht so aggressiv ist, daß fest zugebissen wird. Der Unterlegene "weiß" offensichtlich, daß er nicht in Gefahr ist, fest gebissen zu werden. Ansonsten würde er Abstand halten oder sich intensiv verteidigen. Die "Beisshemmung" wird also nicht in 1. Linie durch Demutsverhalten ausgelöst sondern beruht auf der Erfahrung des Angreifers, hängt zusammen mit seiner Angst, selbst gebissen zu werden, wenn sein Beißen intensives Verteidigungsverhalten beim Angegriffenen auslöst.
Die "Beisshemmung" dient somit auch nicht einem abstrakten, allen Beteiligten gemeinsamen Ziel wie der Arterhaltung sondern nur dem individuellen Interessen des nicht fest Zubeißendem, der dadurch der Gefahr, selbst gebissen zu werden, aus dem Weg geht bzw. die Gefährdung eigenen oder verwandten Nachwuchses vermeidet.
Beisshemmung gegen Welpen
Generell kann man sagen: "je kleiner oder hilfloser ein Welpe ist, desto stärker überwiegt der Pflegetrieb" beim erwachsenen Tier. Dies führt dazu, daß die meisten arteigenen aber fremden Welpen in der Regel akzeptiert und auch "adoptiert" werden.
Aber: Weibchen mit eigenen Jungen töten häufig fremde Welpen. Dieses Verhalten ist "zweckdienlich" denn fortan konzentrieren sich alle Rudelmitglieder auf ihre eigenen Welpen und erhöhen so deren Überlebenschancen beträchtlich. Das gleiche gilt auch für trächtige oder scheinträchtige Weibchen - sie schalten die Konkurrenz für ihre zukünftigen Jungen aus.
Man sieht also - fehlende "Beisshemmung" gegenüber fremden Welpen gehört mit zum "normalen" Hundeverhalten und ist kein Defizit, das dem Hund als "schlecht" anzurechnen ist. Je ursprünglicher ein Hund ist, desto stärker hat er dieses Verhalten noch in sich; bei den gut durchgezüchteten "Familienhunden" wie z.B. Retriever, Cocker u.ä. ist die Gefahr von "fehlender Beisshemmung gegen Welpen" geringer. Allerdings würde ich mich bei einem fremden Hund auf kein Risiko einlassen weil man einfach nicht weiß, zu welcher Kategorie dieser gehört.