Der Mensch als Alpha - die intakte Mensch - Hund - Beziehung

Wenn wir ein intaktes Hunderudel beobachten, können wir feststellen, dass es dort ein Leittier gibt, das von allen anderen Rudelmitgliedern akzeptiert und respektiert wird und dem sie sich gerne und freiwillig unterordnen. Weshalb ordnen sich viele Hunde aber ihren Menschen nicht gerne und freiwillig unter? Weshalb haben viele Menschen massive Probleme mit ihren Hunden? Weshalb werden viele Hunde im Tierheim abgegeben weil sie sich nicht in ihr „Menschenrudel“ einfügen?

Grundsätzlich gilt, dass das Zusammenleben mit unserem Hund nur dann problemlos funktionieren kann, wenn wir die Führungsposition in der Mensch - Hund - Beziehung innehaben.

Um die Führungsposition zu erlangen gibt es genau zwei Möglichkeiten:

  1. Wir zeigen dem Hund unsere körperliche Überlegenheit und bringen ihn durch Schläge, Tritte, mit Stachelhalsband, Elektroschockhalsband usw. unter Kontrolle. Innerhalb kürzester Zeit haben wir einen Hund, der auf’s Wort pariert. Allerdings gehorcht dieser Hund nicht aus Achtung vor seinem Besitzer sondern aus Angst vor Strafe. Er ist kein Kamerad sondern ein Sklave. Über Charakter und Wesen solcher Hundebesitzer will ich mich nicht weiter auslassen - schlimm genug, dass es sie gibt...
  2. Wir bringen unsere „geistige“ Überlegenheit ins Spiel und zeigen unserem Hund im täglichen Leben unsere Führungsqualitäten. Dieser Hund wird uns gehorchen weil er es für richtig hält. Freiwilliger, freudiger, vertrauensvoller Gehorsam ist das, was jeder Hundebesitzer anstreben sollte.

Es stellt sich nun die Frage: Wie erreiche ich einen freudigen, vertrauensvollen Gehorsam? Wie erlange ich die Führungsposition in der Mensch-Hund-Beziehung?


Grundlagenwissen


Der „tierische“ Alpha - Rechte und Pflichten

Betrachten wir ein Wolfsrudel oder ein freilebendes Hunderudel:

Die wichtigsten Pflichten eines Alphas liegen in der Gewährleistung der überlebensnotwendigen Ressourcen. Der Ranghöchste zeichnet sich auch durch die Fähigkeit aus, Streit zu schlichten, Feinde abzuwehren und Aktivitäten zu organisieren, also ganz allgemein dadurch, dass er immer dann, wenn es erforderlich ist, die Initiative ergreift.

Diese Tätigkeiten verlangen nicht unbedingt, dass der Alpha körperlich stärker als seine Rudelgefährten ist, sondern die wichtigste Voraussetzung für die Führungsrolle ist Erfahrung. Deshalb ist Alpha meistens ein älteres Tier obwohl ein jüngeres Rudelmitglied körperlich stärker sein kann. Aber der Jüngere kennt seinen Platz und ist zufrieden damit, denn er hat auf diesem Platz ganz fest umrissene Aufgaben, die ihn ausfüllen.

Wie beim Menschen bringt auch beim Rudeltier eine hohe Stellung gewisse Privilegien mit sich (ein Chef darf einfach mehr als ein Lehrling). Dazu gehört z.B., dass sich nur die Alphatiere vermehren dürfen - die Paarung von rangniederen Rudelmitgliedern wird nach Möglichkeit verhindert. Die Alphas fressen zuerst und suchen sich die besten Futterbrocken aus. Alpha bestimmt den Zeitpunkt des Aufbruchs, die Wanderrichtung, wann geruht und wann gespielt wird. Ihm steht auch der Respekt zu, nicht durch zu große Nähe bedrängt zu werden. Obwohl Alpha alles ständig im Blick hat, hält er immer einen gewissen Abstand zu seinen Untergebenen. Man nennt dies die Individualdistanz.

Das Einfordern seiner Privilegien verleiht ihm eine Art ”Aura”, so dass die Rangniederen eine regelrechte Ehrfurcht vor ihm haben.

So lange der Alpha sowohl seine Pflichten gut erfüllt als auch immer wieder seine Rechte einfordert, akzeptiert jedes Rudelmitglied seinen Alphastatus. Durch diese Akzeptanz hat er ständig die volle Aufmerksamkeit seines ganzen Rudels. (Beobachtungen haben gezeigt, dass das Alphatier von allen anderen am meisten angeschaut wird.)

Alpha legt auf seine Körperhaltung größten Wert, und wer von Ihnen schon einmal gesehen hat, wie ein ranghohes Tier daher stolziert kommen kann, der weiß, was ich meine. Durch Imponieren in bestimmten Situationen sichert er sich die Achtung und Anerkennung seines Rudels immer wieder aufs Neue.

Dadurch, dass der Alpha die ständige Aufmerksamkeit seiner Rudelmitglieder hat, werden von diesen auch alle Anzeichen von Schwäche und Nachlässigkeit direkt registriert. Ist das Leittier z.B. durch Alter oder Krankheit nicht mehr in der Lage, seine Aufgaben zu erfüllen, könnte das den Untergang des ganzen Rudel bedeuten.

Wenn das rangmäßig am nächsten beim Alpha stehende Tier Schwäche seines Chefs entdeckt hat, wird es seine Grenzen immer weiter überschreiten, um besseren Zugang zu den Ressourcen zu erhalten und testet dadurch indirekt mit aus ob der Alpha das Überleben des Rudels immer noch sichern kann.

Deshalb maßregelt der Rudelchef den Rangniederen direkt bei dem kleinsten Verhaltensfehler und erstickt den Versuch, seine Autorität zu untergraben, im Keim. Allerdings bedeutet dieses „Maßregeln“ nicht Aggression oder Gewalt, im Gegenteil – ein ranghohes Tier zeichnet sich dadurch aus, dass es nur in Ausnahmefällen aggressiv reagiert. Fehlverhalten wird von einem „echten“ Alpha so weit als möglich durch Ignorieren oder einen fixierenden Blick „gestraft“

Erfolgt jedoch keine Gegenwehr des Alphas, dann ist es normal, dass der Chef wegen „mangelnden Führungsqualitäten“ von dem ”nächstbesseren” Rüden abgelöst wird.


Der „menschliche“ Alpha - Rechte und Pflichten

Dadurch, dass alle genetischen (erblichen) Anlagen des Wolfes auch in unserem Haushund vorhanden sind, ist auch das Dominanzverhalten und das Rangordnungsdenken unseres Hundes sowie das Wissen, dass zum Überleben ein guter Alpha zwingend notwendig ist, genau so vorhanden wie bei seinem Stammvater dem Wolf.

Durch die Zuchtauswahl ist dies zwar von Rasse zu Rasse unterschiedlich stark ausgeprägt, und auch zwischen den einzelnen Tieren innerhalb einer Rasse bestehen Unterschiede, aber generell gilt: Alle Hunde besitzen ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Bestreben, Ressourcen für sich zu beanspruchen und brauchen Dominanz und Souveränität des Besitzers, um ihren festen Platz in der Mensch-Hund-Rangordnung zu finden und zu akzeptieren.

Man sollte auch bedenken, dass sich die Wertigkeiten der Ressourcen im Laufe der Domestikation (= Haustierwerdung) verschoben haben. Viele Hunde halten z.B. Futter nicht mehr für eine verteidigungswerte Ressource weil es ständig im Übermaß vorhanden ist, dafür wird aber z.B. ein Quietschetierchen akribisch bewacht und „mit dem Leben“ verteidigt.

Zahlreiche Probleme mit unseren Hunden sind darin begründet, dass ein Hund in der Regel mit frühestens 8 oder 9 Wochen zu uns kommt. In der freien Natur wird ein Welpe in die Rangordnung „hineingeboren“, d.h. er lernt von Anfang an die Stellung der älteren Tiere kennen und respektieren. Für den Hundewelpen beginnt mit dem Tag der Trennung von seiner Mutter und dem Einzug in sein neues Zuhause ein völlig neues Leben. Er kommt in ein „Rudel“ das sich von morgens bis abends nur um ihn kümmert, ihm hinterher läuft wenn es die Welt erkunden will, ihn ständig streichelt, das ihm ständig die besten Leckerbissen anbietet, ihn häufig mit auf den Chefliegeplatz nimmt usw. Allgemein gesprochen: Wir schenken ihm von Anfang an jede Menge Privilegien, die eigentlich uns als Alpha zustehen würden. Kann es uns da wundern, dass das Hundchen mit zunehmendem Alter nicht unbedingt die höchste Meinung von seinen „Rudelmitgliedern“ hat? Nicht ohne Grund gibt es sehr viele Probleme mit dem Hund nach Eintritt in die Geschlechtsreife, einem Zeitpunkt, wo sich in der freien Natur die Rangordnung festigt.

Auch für den Menschen „nützliche“ Angewohnheiten können beim Hund den Eindruck erwecken, dass wir nicht gerade die besten Führungsqualitäten aufzuweisen haben. Dazu gehört z.B. die Angewohnheit, dem Hund sein Futter zu geben, bevor wir selbst essen. Wir tun dies, damit er an unserem Tisch nicht bettelt und nervt. Selbstverständlich genügen ein oder zwei Kleinigkeiten nicht um ihrem Hund zu vermitteln, dass er tatsächlich ohne geeignete Führung ist. Es ist der tägliche Umgang mit Ihrem Hund, der ihm immer wieder aufs Neue zeigt ob Sie ein guter Alpha sind oder nicht.

Um sich ganz sicher zu sein, dass Sie als Rudelchef versagen, wird Ihr Hund beginnen, seine Grenzen langsam aber stetig weiter zu stecken und immer mehr Privilegien für sich vereinnahmen. Je mehr er zu der Überzeugung gelangt, dass es Ihnen an Führungsqualitäten mangelt desto öfters entscheidet er selbst was zu tun ist. Er verweigert Kommandos oder befolgt sie nur murrend, er zieht an der Leine; er kommt nicht mehr wenn Sie ihn rufen, ganz allgemein gesprochen: er gehorcht nicht. Genau wie beim Urvater des Hundes, dem Wolf, wird der Hund dann irgendwann zum Schutz seines Rudels die Führung ganz übernehmen. Allerdings sind die meisten Hunde damit hoffnungslos überfordert und reagieren in bestimmten Situationen völlig über.

Die Aufgabe des Hundebesitzers liegt also in erster Linie darin, all die Dinge zu übernehmen, die im Rudel das Alphatier tut. Und es ist extrem wichtig, dass er nicht nur seine Pflichten wie Futterbeschaffung usw. gewissenhaft erfüllt sondern er muss seinem Rang entsprechend auch die Rechte in Anspruch nehmen, die ihm durch seine Leitposition zustehen. Ansonsten wird kein Hund auf die Dauer die Führungsqualitäten seines Herren anerkennen. Zum Schutz des Rudels wird er dann versuchen, die Führung zu übernehmen und dann natürlich auch die, dem Alpha zustehenden Privilegien für sich einfordern.

Wie schon erwähnt, braucht unser Hund seinen festen Platz im Familienrudel. Er kann nur eine einzige Stellung innehaben - entweder er ordnet sich unter oder er führt an. Deshalb kann kein Hund sich in eine Familie einfügen, wo er während des Tages Mamis Liebling ist und tun und lassen kann, was er will (also Führungsposition genießt) und ab 18.00 Uhr werktags und den ganzen Tag samstags und sonntags - wenn der Ehemann zu Hause ist - hat er sich unterzuordnen. Diese doppelte Stellung (man spricht von einer double - bind - Situation) kann kein Hund auf die Dauer verkraften.

Er wird früher oder später verstört reagieren und je nach Typ entweder mit Unsicherheit und Scheue oder mit Aggression reagieren.

Für Sie gilt: Verhalten Sie sich ab heute genau so, wie es ein wölfisches oder hündisches Alphatier tun würde. Zeigen Sie ihrem Hund mit liebevoller Konsequenz, dass er Sie falsch eingeschätzt hat. Übernehmen Sie ab sofort die Führung mit Souveränität wie es ein „tierischer Alpha“ tun würde.

Nachfolgend zähle ich Ihnen einige Punkte auf, deren Einhaltung Sie in den Augen Ihres Hundes rangmäßig aufwerten. Für Menschen mögen das Kleinigkeiten sein – für Hunde sind es sehr wichtige Kennzeichen von Alphaverhalten.


Konkrete Beispiele für menschliches „Alphaverhalten“

„Der Mensch als Alpha“ ist eine allgemein gehaltene Broschüre für alle Hundebesitzer. Wie genau Sie sich daran halten müssen hängt ganz einfach davon ab, wie dominant Ihr Hund sich derzeit fühlt - je dominanter er sich gebärdet desto mehr müssen Sie Ihre Chefrechte einfordern.

In Fällen wo der Hund bereits mit Aggression gegen Sie oder ein Familienmitglied reagiert hat, sollten Sie niemals selbst mit einer Rangordnungskorrektur beginnen sondern kompetente Hilfe in Anspruch nehmen. Einige der hier angeführten Punkte könnten nämlich bei einem Hund, der sich bereits als Alpha in seinem Mensch-Hund-Rudel sieht, aggressives Verhalten auslösen.

Vergessen Sie nie, dass ein wahrer Alpha nie mit Dominanz im Sinne von Tyrannei „herrscht“ sondern mit Souveränität anführt.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Sie ein guter Alpha für Ihren Hund werden und viele glückliche Jahre mit ihm erleben dürfen.

Birgit Lehnen