Strafen ohne Strafe
Wir wissen, daß wir nur dann problemlos mit unserem Hund leben können, wenn wir die Führungsposition im Familienrudel innehaben, also Alpha für unseren Hund sind. Leider gibt es aber viele Menschen, die Führung mit Despotismus gleichsetzen. Sie neigen zur Gewalt dem Hund gegenüber und unterbinden manche Verhaltensweisen mit Härte, obwohl ein leises, tadelndes Wort genügen würde. Es ist ganz klar, daß dann bei ernsten Situationen nur noch massive Gewalt in Form von Schmerzzufügung als Steigerung bleibt.
Obwohl wir mit o.g. Menschen nichts zu tun haben, müssen wir uns klarmachen, daß auch wir häufig zu stark auf hundliches Fehlverhalten reagieren.
Betrachtet man ein freilebendes Wolfs- oder Hunderudel, dann sieht man deutlich, daß gerade das Alphatier die wenigsten aggressiven Verhaltensweisen zeigt. Ein guter Alpha zeichnet sich durch genau gegenteiliges Verhalten aus: er verhindert Auseinandersetzungen und wird nur im absoluten Notfall aggressiv. Wo es möglich ist wird durch Ignorieren bestraft, ein strenger Blick und/oder leises Knurren ist schon die 2. Stufe, wenn auch das nichts nutzt wird der "Übeltäter" durch Schnauzengriff diszipliniert und erst die letzte Stufe ist das "auf den Boden drücken". Nur bei einem Fehlverhalten, das die Position des Alphas oder das Rudel gefährden würde, wird der Störenfried "gelegt".
Beobachtungen an verschiedenen freilebenden Wolfsrudeln (Günther Bloch, 1997) haben ergeben, daß falsches Verhalten von Welpen und Jungwölfen in 50% der Fälle durch Ignorieren, 15% durch leichten Schnauzengriff, 22% durch harten Schnauzengriff und nur 13% durch "auf den Boden drücken" gestraft wird. Wie oft drücken wir unseren Hund nach unten, packen ihn, ziehen an ihm herum?... Ich denke, daß das Disziplinieren durch Ignorieren von uns menschlichen Alphas viel öfter genutzt werden sollte.
Häufig disziplinieren wir auch Verhaltensweisen, die aus hundlicher Sicht völlig normal sind ziemlich energisch, z.B. das Anspringen. Der Hund will uns auf seine Art begrüßen, wir Menschen wollen dies nicht.
Bei einer Untersuchung, die Bloch 1997 veröffentlichte, übertrug man die Art des Disziplinierens der Wölfe auf Hunde. Es wurde mit zwei verschiedenen Methoden versucht, dem Hund das Anspringen abzugewöhnen. Methode 1: Wie früher wurde das Anspringen durch Hochziehen des Beines korrigiert und der Hund anschließend verbal zum Hinsetzen aufgefordert. Setzte der Hund sich, erhielt er eine Belohnung. Bei Methode 2 wurde das Anspringen ignoriert, indem der Mensch eine Körperdrehung um 90° durchführte und keinen Blickkontakt zum Hund aufnahm. Setzte sich der Hund dann irgendwann, wurde direkt belohnt.
Die nachfolgende Tabelle zeigt die prozentualen Erfolgsquoten:
| Schäferhund | Retriever | Schnauzer | Setter | Beagle | |
|---|---|---|---|---|---|
| Methode 1 | 70% | 40% | 30% | 40% | 50% |
| Methode 2 | 80% | 70% | 90% | 70% | 80% |
Ich glaube, daß dieses Ergebnis eindeutig ist - in bestimmten Situationen kann man durch Ignorieren nicht nur Strafe vermeiden sondern man erzielt auch einen wesentlich höheren Lernerfolg. Wir sollten von den Wölfen lernen!