Eines vorneweg: Ich will nicht gegen diejenigen wettern, die Schutzdienst mit ihren Hunden als "Arbeitsausbildung" für z.B. einen Polizeihund, Zollhund, Grenzschutzhund u.ä. praktizieren. Dort arbeiten Menschen zusammen mit ihren Hunden und Mensch und Hund achten sich gegenseitig. Nur wenn in einer "Arbeitsgemeinschaft" Vertrauen besteht kann die Zusammenarbeit auch klappen.
Mir geht es hier um den Schutzdienst in Privathand und das ist leider Gottes die riesengroße Mehrheit.
Der Schutzdienst stammt noch aus der Zeit des königlich preußischen Rittmeisters Max von Stephanitz, Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Polizei noch kaum Feuerwaffen besaß. Damals entstanden die Polizeischutzhundevereine wo auch nur reine Schutzhunde ausgebildet wurden.
Heute existieren viele Privatvereine, die das Wort "Polizei" aus rein rechtlichen Gründen beibehalten haben, mit der Polizei ansonsten aber nichts mehr zu tun haben. In vereinsinternen Helferschulungen wird dann eine Schutzdiensthelferausbildung durchgeführt, die nach meinem Erachten nicht ausreicht, um einen Hund richtig auszubilden.
Vorgehensweise bei der Schutzhundeausbildung:
Junghunde werden mit einem Sack angehetzt. Der Sack wird als Beute überlassen.
Dann übt man mit einer Beißwurst: (Ähnlichkeit mit Arm nimmt zu) Der Hund wird vom Hundeführer angestachelt fest zuzubeißen (Aufputschen durch Streicheln in der Nierengegend). Der Figurant gibt zarten Gegendruck und dann wird die Beißwurst als Beute überlassen. Nach und nach muß der Hund fester beißen und ziehen bis er die Beißwurst erbeuten darf.
Als nächstes wird mit einem Junghundearm, den der Figurant anhat, geübt: Hinter oder neben dem Hund steht der Hundeführer, stachelt den Hund auf und gibt Rückhalt. Der Figurant hebt den, im Arm verbissenen Hund, damit hoch. Leichte Schleuderbewegungen, Hund soll festhalten. Hohes Lob von Besitzer - der Arm wird als Beute überlassen. Auch hier wird die Intensität langsam gesteigert um den Hund richtig stark zu machen.
Letzte Stufe ist dann der Hetzarm: Der Hund ist an der Leine und wird auf den Figurant losgeschickt. Beißt er fest genug zu und schüttelt den Hetzarm genug dann darf den erbeuteten Arm wegtragen. Der Angriff des Hundes auf dem Figurant wird provoziert indem der Figuranten den Hundeführer angreift. Anfangs schlägt er mit leichten Stockhieben auf den Hund, nach und nach wird die Härte der Schläge gesteigert.
Es wird Verbellen trainiert: Der beutemotivierte Hund will seine Beute (Hetzarm des Figuranten), der Hundeführer läßt ihn aber nicht hin obwohl er ihn ständig aufstachelt. > Frustration > Übersprung als Bellen. Anfangs darf der Hund beim ersten Bellen als Belohnung den Arm erbeuten, nach und nach wird über Shaping die Dauer des Bellens gesteigert.
Stellen eines Flüchtenden wird trainiert (Figurant läuft weg, Hund wird hinterher geschickt)
"Nebenwirkungen" der Schutzhundeausbildung:
Schon beim Anhetzen mit dem Hetzsack bleiben viele Hunde "auf der Strecke". Um eine optimale Motivation zu erhalten werden die Hunde oft in einem Kreis aufgestellt und zur Gruppenaggression provoziert. Diese geballte Ladung Aggression ertragen zahlreiche Hunde nicht - sie reagieren mit Angst und Unsicherheit statt mit der gewünschten Schärfe und sind für ein problemloses Zusammenleben mit Menschen und Hunden "versaut". Meistens enden diese Tiere früher oder später als unvermittelbare Angstbeißer im Tierheim.
Weder von einem Welpen noch von einem Junghund wird Unterordnung verlangt, um den Mut und die Schärfe des Hundes nicht zu bremsen. D.h. dem Hund werden bewußt alle Privilegien eines Alphas eingeräumt. Beginnt dann irgendwann die Unterordnung muß man den Hund mit massiver Gewalt "brechen" um ihm klarzumachen, daß jetzt plötzlich ein Mensch der Chef ist. Denn freiwillig wird sich kein Hund von seinen Privilegien trennen. Viele Hunde scheitern an diesem Punkt der Ausbildung - sie werden verängstigt und frustriert. Dies zeigt sich dann häufig in Frustrationsaggression - allerdings nicht mehr nur gegen den Hetzärmel sondern gegen alles was kommt - der Hund ist ein unberechenbarer (Angst-) Beißer geworden. Solche Hunde werden dann häufig an ahnungslose Menschen verkauft. Auf dem Hundeplatz hat dieser Hund gelernt, seine Spannung in Form von Aggression abzubauen. Im neuen Umfeld, also ohne Hundeplatz fehlt ihm die Möglichkeit für regelmäßigen Streßabbau. Dies führt häufig dazu, daß sich der Hund ein "Opfer" aussucht.
Je stärker der Beutetrieb ist, desto unempfindlicher ist ein Hund gegen Schmerzen. Durch Erhöhung des Beutetriebs (immer längeres Anhetzen) wird die Schmerztoleranzgrenze erhöht. Außerdem gewöhnt sich der Hund an die Schläge, so daß sich auch hier die Schmerzgrenze steigert. Desweiteren wird systematisch Aggression in Form von Frustrationsaggression (bekommt Ärmel nicht) und Schmerzaggression (heimliche Schläge sogar in die Nieren um Aggression zu steigern) hervorgerufen. Schon um das Level zu halten muß immer mehr Schmerz zugefügt werden (Gewöhnung) und wenn man die Leistung steigern will, dann geht es in meinen Augen schon zur Tierquälerei. Zu allem Überfluß wird der Hund für seine gesteigerte Aggression auch noch gelobt, so daß Aggression als Reaktion auf Frustration oder Schmerz ins erlernte Verhalten übergeht. Eine Konditionierung auf "faß" löst das Aggressionsverhalten dann auch ohne sichtlichen Grund aus (man nennt dies dann den Wehrtrieb). Welche Ignoranz zu glauben, daß ein Hund ausschließlich auf "faß" seine erlernte Aggression ausleben kann....
Eine weitere Gefahr sehe ich auch darin, daß der Hund sich einmal "irren" kann - er sieht einen Menschen mit dick wattierter Winterjacke der einem Bekannten zuwinkt. Der Hund denkt: "super - ein Figurant wedelt mit meiner Beute". Ob dieser Hund dann unbedingt auf das "faß" seines Herrchens wartet?
Genauso gefährlich kann es für harmlose Jogger werden. Der Hund hat gelernt, daß ein wegrennender Mensch seine Beute besitzt. Die zahlreichen Unfälle gerade mit Schäferhunden sprechen für sich, daß auch in solchen Situationen so mancher Hund hinterher rennt. Wenn er den Jogger in den Arm gebissen hat, merkt er natürlich seinen Irrtum und läßt "aus". Aber ich denke, daß das wenig Trost für den Jogger ist.
Man darf auch den Aspekt der Generalisierung nicht außer Acht lassen. Statt wie gelernt nur auf einen stockschwingenden Menschen mit Beißarm loszugehen, greift er dann vom stockspielenden Kind über die Dame mit Stockschirm bis hin zum Spazierstock schwenkenden Opa alles an. Auch die gängigen Kommandos wie "faß" (die jetzt angeblich nicht mehr verwendet werden) können - in einem anderen Zusammenhang benutzt - einen Angriff auslösen.
Ein Hund, der monatelang seinen Beißarm wegtragen durfte wird darauf nicht freiwillig verzichten. Wenn es daran geht, dem Hund beizubringen, daß er auf Befehl "aus" lassen soll, wird in der Regel auch heute noch das Teletaktgerät eingesetzt. Besonders vor Prüfungen wird abseits des Platzes häufig vorbeugend ein Teletaktgerät benutzt, zum einen damit der Hund genügend (Schmerz-) Aggression aufbaut, zum anderen damit der Hund später tatsächlich "aus" läßt.
Ein letzter Gedanke - obwohl ich noch 10 Blätter voll schreiben könnte: Ein Hund lernt, daß er sich über Aggression von seinem Streß befreien kann. Der Hund fühlt sich anschließend wohler. Diese Streßlösung wird erlernt und andere Arten der Streßbewältigung werden vernachlässigt. Wird mit diesem Hund eine Zeit lang nicht gearbeitet, d.h. fehlt ihm die Möglichkeit zu Streßabbau in Form von gewünschter Aggression auf dem Platz, dann ist eine Übersprunghandlung außerhalb des Hundeplatzes vorprogrammiert. Zu dieser Kategorie Hunde gehören auch die, die auf dem Platz angehetzt wurden und dann "weil sie zu weich waren" an ahnungslose Menschen verkauft wurden.
Absoluter Widersinn der Schutzhundeausbildung in Privathand:
Der Besitzer muß Alpha über seinen Hund sein damit dieser auf! s Wort gehorcht. Dennoch gibt der Besitzer seine Chefrechte- und Pflichten, nämlich die Verteidigung "des Rudels" an den Hund ab.
Der Hund soll sich jemandem unterwerfen der sich nicht selbst beschützen kann? Er soll sich von einem offensichtlich schwächeren Wesen dominieren lassen? In dieser Zwickmühle ist es ganz klar, daß Herrchen / Frauchen den Hund ständig mit mehr oder weniger Gewalt klein halten müssen, denn ansonsten wäre der verlangte "Kadavergehorsam" niemals zu halten. Das ist auch der Grund, weshalb es immer wieder passiert, daß gerade Hundeplatzhunde gehäuft ihre Menschen anfallen, wenn diese eine plötzliche Schwäche zeigen.
Es ist mir klar, daß ich mir mit diesem Artikel wieder viele neuen Feinde geschaffen habe. Ich muß Euch allerdings sagen: "Das ist mir Wurscht..."
Nachtrag:
Aufgrund des Gästebucheintrages von und anschliessendem Mailaustausch mit Stefan (hsg Kiel) noch folgender Nachtrag:
Meine Ausführungen über den Schutzdienst sind von mir und vielen anderen Menschen beobachtet worden und entsprechen unserem Wissen nach immer noch dem „Üblichen“.
Stefan betonte mir gegenüber, dass eine richtige Schutzhundeausbildung so wie in Kiel - ganz anders durchgeführt und das von mir Geschilderte nur von den „schwarzen Schafen“ betrieben würde. Ich will das nicht in Abrede stellen nur scheint mir die Herde immer noch sehr sehr dunkel gefärbt...
Doch selbst wenn die Schutzhundeausbildung so vorbildlich - wie von Stefan versichert - durchgeführt wird, bin und bleibe ich ein totaler Gegner von Schutzdienst in Privathand. Kein Privathund sollte darauf abgerichtet werden dürfen, einen Menschen zu stellen und/oder zu beissen.