Kastration:
Für und Wider aus einer anderen Sicht

Selbstverständlich gibt es medizinische Gründe, weshalb ein Hund kastriert werden muss. Auch bei einer „Mehrhundehaltung“ bleibt in der Regel nur Kastration eines oder mehrerer Hunde, um unerwünschten Nachwuchs zu verhindern. Viele Hundebesitzer lassen ihren Hund aber auch kastrieren um bestimmte Probleme in den Griff zu bekommen. Sie sind sich dabei allerdings häufig nicht im Klaren darüber, dass Kastration kein Allheilmittel ist sondern nur in bestimmten Fällen zum gewünschten Erfolg führt. Über „Risiken und mögliche Nebenwirkungen“ sind sie nur selten informiert.

Ich werde hier das Thema „Kastration“ nicht aus medizinischer sondern aus verhaltenstherapeutischer Sicht heraus behandeln und damit hoffentlich einige Denkanstösse geben.

a) Kastration der Hündin

Häufig wird eine ausgewachsene Hündin beim Tierarzt vorgestellt, weil sie durch Aggression gegen Menschen und/oder Hunde auffällig geworden ist.

Wenn diese Hündin nur kurz vor, während oder nach der Läufigkeit oder während einer Scheinträchtigkeit aggressives Verhalten zeigt, dann liegt der Verdacht nahe, dass die Aggression hormonell bedingt ist und daher eine Kastration höchstwahrscheinlich Abhilfe bringen wird. Zeigt eine Hündin allerdings während des ganzen Jahres Aggressionen gegen Menschen und/oder Hunde, dann wird auch eine Kastration keine Änderung hervorrufen.

Weder sogenannte Dominanzprobleme noch Lernerfahrungen des Hundes können durch eine Kastration geändert werden!

Wenn Hündinnen wegen „Dominanzproblemen“ kastriert werden sollen, dann muss man sich vor Augen halten, dass man diesen Hündinnen ihre „sanft machenden“, weiblichen Hormone wegnimmt und sich daher das Hormonverhältnis in Richtung Männlichkeit verschiebt. Dies ist der Grund dafür, dass sich ausgewachsene Hündinnen nach einer Kastration häufig sogar noch „dominanter“ verhalten als sie vorher waren.

b) Kastration des Rüden

Im Gegensatz zur Hündin, bei der immer wieder zu einer Kastration als Vorbeugung gegen Entzündungen oder Krebs empfohlen wird, geht es bei den Rüden (mit Ausnahme seltener medizinischer Indikation) meistens nur um eins: Sie sollen verträglicher mit Artgenossen werden und auch Probleme in der Mensch-Hund-Beziehung sollen sich durch Kastration verändern oder im Vorfeld vermieden werden.

Auch hier gilt: Weder sogenannte Dominanzprobleme noch Lernerfahrungen des Hundes können durch eine Kastration geändert werden!

Allgemeine Bemerkungen zu kastrierten Hunden – aus meiner Sicht und nicht wissenschaftlich zu beweisen:

  1. Bei einer drastischen Veränderung des Aggressionsverhaltens nach einer Kastration spielt häufig ein ganz anderer Aspekt eine Rolle und zwar die „Spannungsübertragung durch die Besitzer“. Wurden die Besitzer früher beim Anblick fremder Hunde unsicher oder ängstlich und zeigten damit ihrem Hund erst, dass da tatsächlich eine Bedrohung kommt, so „wissen“ sie jetzt: „mein Hund ist kastriert und wird nicht mehr kämpfen“. Alleine dieses „sicher fühlen“ der Besitzer führt dann häufig dazu, dass der Hund den fremden Artgenossen nicht mehr als Bedrohung ansieht und selbst friedlich bleibt.
  2. Vor der Pubertät kastrierte Tiere bleiben juvenil, d.h. ewige Kinder. Viele Menschen finden das ganz lustig, aber andere Hunde können häufig mit einem ausgewachsenen aber juvenilen Hund nicht umgehen. Zahlreiche Verhaltensweisen, die einem erwachsenen Hund angehören, fehlen hier. Dieser Hund wird von einem unkastrierten Tier in der Regel nicht ernst genommen; im Gegenteil, dieser Hund erscheint völlig andersartig und diese Andersartigkeit kann zu Unsicherheit und daraus resultierender Aggression führen. Das bedeutet, dass man durch frühzeitige Kastration häufig Probleme hervorruft obwohl man eigentlich Probleme vermeiden wollte. Anders sieht es z.B. in Amerika aus – hier werden fast alle Tiere schon im Welpenalter kastriert und lernen sich auch so kennen. Dann gilt: „Gleich zu Gleich gesellt sich gern“ und es gibt kaum Probleme mit Artgenossen. In Deutschland sind kastrierte Tiere jedoch bei weitem in der Minderzahl.
  3. Ein, nach der geschlechtsreife kastrierter Hund „weiß, dass er Rüde oder Hündin ist“. Hündinnen fordern besonders Rüden und subdominanten Hündinnen gegenüber ihren Respekt ein, Rüden verlangen ihn von jüngeren und subdominanten Tieren und bekommen ihn von einem gut sozialisierten Tier auch bereitwillig zugesprochen. Nun stellen Sie sich aber mal vor, dass dieser Hund plötzlich kastriert wird. Die Lernerfahrungen sind da: „Jüngere und subdominante Tiere, die mich als erwachsenen Hund „riechen“ bringen mir Respekt und Ehrerbietung entgegen.“ Aber nach der Kastration fehlt der typische Geruch dieses Tieres. Was passiert dann? Der nötige Respekt fehlt. Der kastrierte Hund „weiß“ aber (trotz Kastration) was er ist (Lernerfahrung) und fordert seinen Respekt ein. Probleme sind vorprogrammiert und das passiert meistens um so häufiger, je älter der Hund zum Zeitpunkt der Kastration war, also je mehr Lernerfahrung er hatte.
  4. Manche Kastraten, egal ob männlich oder weiblich, riechen nach einer Kastration permanent so wie eine hochläufige Hündin. Als Begründung sind mir zwar zahlreiche abenteuerlichen Theorien bekannt jedoch konnte ich bisher weder von einem Tierarzt noch in Büchern eine befriedigende, wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen bekommen. Tatsache ist aber, dass sowohl Kollegen und Kolleginnen als auch ich selbst schon mehrere dieser Hunde kennengelernt haben. Bei einem so gut riechenden Tier versucht dann fast jeder intakte Rüde aufzureiten was aber von dem kastrierten Tier gar nicht oder zumindest nicht endlos geduldet wird. Diese ständige Aufdringlichkeit fremder Rüden ist sehr stressig für den Hund und führt deshalb des öfteren zu Aggressionen.
  5. Hunde wissen nicht, dass wir sie manchmal kastrieren lassen. Es gibt also für Hunde keine Kastraten sondern nur die Entscheidung: Bist du Männlein oder Weiblein? Daher werden z.B. viele kastrierten Rüden (die für andere Hunde als weiblich eingestuft werden) zwar von intakten Rüden mit sehr viel Geduld und Respekt behandelt, im Gegenzug aber von intakten Hündinnen häufig angegangen. Grund dafür könnte der Hormonspiegel sein, der trotz Kastration einen wesentlich höheren Testosteronspiegel zeigt als ihn eine durchschnittliche Hündin aufweist. Für einen intakten Rüden stellt der Kastrat also eine „starke Frau“ dar, für eine intakte, starke Hündin kann der Kastrat allerdings als weibliche Konkurrenz angesehen werden.
  6. Zippel, das alte Hexenweib, liebt es, Kastraten als Blitzableiter zu verwenden und sie erbarmungslos zu vermöbeln... (natürlich hindere ich sie durch ein klares Verbot daran). Hat sie aber einen Hund als intakten Hund kennengelernt dann behandelt sie ihn auch nach der Kastration so wie vorher. Auch hier wieder ein Beispiel, wie sehr Lernerfahrung das Verhalten eines Hundes beeinflusst.
  7. In meinen Hundegruppen konnte ich schon mehrmals beobachten, dass sich der Geruch eines männlichen Kastraten häufig erst nach langer Zeit verändert. Ein kastrierter Rüde wurde in „seiner“ Gruppe über 3 Jahre lang als „normaler“ Rüde behandelt. Im Lauf der letzten Monate zeigten immer mehr Rüden dieser Gruppe sexuelles Interesse an ihm und in den letzten Wochen wird er wie eine läufige Hündin behandelt. Um eventuellen Gegenargumenten vorzubeugen: Der Hund wurde vom Tierarzt untersucht – er leidet weder an einer Entzündung, noch sind seine Analdrüsen verstopft und er hat auch keine Prostataprobleme (alles Ursachen, die zu einer Geruchsveränderung führen können).

Abschließende Bemerkung:

In vielen Fällen geht eine Kastration ohne die oben geschilderten „Nebenwirkungen“ vor sich, d.h. die Kastraten werden von Artgenossen genau so behandelt wie früher.... aber wisst Ihr, zu welcher Kategorie Euer Hund gehören wird? Wägt deshalb ganz genau ab, ob eine Kastration Euch oder Euerem Hund wirklich helfen kann und ob ihr mit möglichen Nebenwirkungen klar kommt.
Denn Euer Hund und Ihr als Besitzer/in müsst dann jahrelang mit den „Nebenwirkungen“ leben. Also macht Euch die Entscheidung nicht zu leicht.

Für Rüden gibt es die Möglichkeit, den Hund zuerst einmal „chemisch“ kastrieren zu lassen. Chemische Kastration wirkt nur über einen begrenzten Zeitraum, so dass der Rüde anschließend wieder „wie früher wird“. Rüdenbesitzer/innen können während der chemischen Kastration beobachten, ob sich z.B. das aggressive Verhalten ihres Hundes abschwächt. Die Möglichkeit einer endgültigen, operativen Kastration bleibt dann immer noch. Leider zeigt chemische Kastration nicht immer ein zuverlässiges Ergebnis. Dennoch würde ich persönlich auf jedem Fall den Weg der chemischen Kastration gehen bevor ich einen Rüden endgültig kastrieren lasse. Lasst Euch dazu von Euerem Tierarzt beraten.
Für Hündinnen gibt es derzeit die Möglichkeit einer chemischen Kastration nicht.

© Birgit Lehnen
Hundeschule Beta-dog
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