Ein leidiges Problem - gutgelaunt marschieren wir durch den Wald ... und auf einmal ist unser Hund weg. Jagen! Auch ich hatte dieses Problem mit meinem Zippelchen als es neu zu mir kam. Alles war wichtiger als ich - Düfte auf dem Boden, ein Knacken im Wald, eine Bewegung am Horizont... - und tschüß, fort war der Hund. Manchmal rannte sie auch just for fun los und suchte sich etwas, das man bejagen konnte.
Ich habe daraufhin angefangen, ganz gezielt bestimmte Übungen zusammenzustellen und eisern zu üben. Wie die einzelnen Übungen (z.B. ein schnelles „platz“) gewaltfrei trainiert werden, erfahrt Ihr hoffentlich in Euerer Hundeschule.
Zippel war seitdem niemals wieder alleine jagen. Entweder wir gehen beide jagen oder es geht keiner - es ist nur eine Sache des Durchhaltevermögens. Und zwar ohne Schläge, Tacker usw. Einfach nur weil wir uns verstehen.
Zuerst Gedanken, die sich jeder Hundebesitzer machen sollte:
- Nur ein echter Alpha kann Verbote setzen, die der Hund ernst nimmt.
- Mit Schmerzzufügung erzwinge ich mir einen Gehorsam durch Angst vor Konsequenzen aber nicht aus Einsicht und Vertrauen.
- Man sollte sich vor Augen führen, dass Jagdverhalten kein Problemverhalten sondern normales Verhalten für den Hund ist - es ist lediglich für den Menschen ein Problem.
- Man sollte sich Gedanken darüber machen weshalb das Jagen für einen Hund schöner ist, als mit dem Besitzer was zusammen zu tun. Sind die Spaziergänge vielleicht doch zu eintönig???
- Extremes Jagen kann auch auf frühere Langeweile zurückzuführen und dann ins Lernverhalten übergegangen sein, d.h. es wird immer noch gezeigt obwohl der Besitzer sich jetzt um Abwechslung bemüht. Da müsste man sich dann noch mehr "aus dem Kittel schütteln".
- Wenn die genetische Komponente sehr stark ausgeprägt ist, werden alle Übungen im Extremfall versagen. Dann muss Hund leider an bestimmten Stellen an der Leine bleiben.
So und nun zu einigen Übungen: Voraussetzung: eine geklärte Rangordnung und guter Kontakt zu Euerem Hund. Wenn z.B. andere Hunde wichtiger für ihn sind als Ihr, dann werdet Ihr mit Sicherheit nicht wichtiger als ein Hase oder Reh werden. Dann muss vorab an der Beziehung gearbeitet werden (siehe "Der Mensch als Alpha" usw.) Und nun geht's los:
- "Unsichtbare Leine" wird eingeführt. D.h. sobald sich der Hund weiter als z.B. 10 m vom Besitzer entfernt wird er immer wieder mit Kommando "zurück" näher gerufen. (Der Unterschied zwischen "zurück" und "hier" ist, dass der Hund bei „zurück“ nicht bis zum B. kommen muss sondern Richtung ändern und nur ein Stück auf B. zukommen und dann geht's wieder weiter.. Zurück übt man am besten (schönsten) für den Hund wenn er nach!!! dem Umdrehen ein Bällchen fliegen sieht...) Hunde bekommen diese unsichtbare Leine sehr schnell ins Gespür und drehen von alleine um. Ab und zu muss dann natürlich trotzdem immer wieder eine Belohnung kommen! Grundgehorsam gründlich üben mit Schwerpunkt "platz" und "steh". Erklärung: Es ist für einen Hund leichter bei Losspurten noch kurz zu warten als umzudrehen (das Hinlegen und Belauern ist Teil des Jagdverhaltens, das Umdrehen nicht).
- zeitgleich zu 1. Ein Spielruf z.B. "hey" wird eingeführt. Dieses "hey" wird niemals für was anderes verwendet als als Einleitung zum Spielen. Muss man den Hund in Notsituationen (ich sehe Reh, Hund noch nicht) schnell anleinen, dann wird der Hund mit "hey" herbeigerufen, ruck zuck angeleint und praktisch gleichzeitig mit dem Anleinen gespielt (halt ausnahmsweise mit Leine). Idealerweise kombiniert man das "hey" mit Bewegung des B., d.h. sobald der Hund schaut, sieht er ein ballwedelndes, herumhüpfendes Herrchen/Frauchen, das es ihm gnädigerweise erlaubt, mal mitzuspielen... klar, dass man den Hund nicht stundenlang nur einfach so hinter einem Bällchen herrennen lassen darf sondern dass das Ballspiel ab jetzt "bewusst" eingesetzt wird.
- schnelles "platz" und Kommando "steh" wird eingeübt.
- "platz-bleib" und "steh-bleib" üben, z.B. Bällchen wird geworfen und Hund darf erst nach Erlaubnis hinterherrennen
- "platz-bleib" und "steh-bleib" aus der Bewegung üben, d.h. B. joggt weiter während Hund stoppt oder sich hinlegt
- "platz" und "steh" aus der Entfernung üben. Endziel: Bällchen wird geworfen, Hund läuft hinterher, auf halben Weg kommt Kommando "platz" und er "schmeisst" sich direkt hin. Nach Erlaubnis "o.k." oder Ähnlichem darf er dann zum Bällchen flitzen und es erbeuten. Diese Übung wird vorerst an normaler Leine gemacht, d.h. B. rennt mit dem Hund dem Bällchen hinterher. Viel Spass den "Grosshundbesitzern" - da kann man aber tricksen und eine Sicherungsleine an einem Baum festmachen und das Bällchen dann weiter weg werfen. Allerdings nur mit Brustgeschirr arbeiten. (Der erste „Ruck“ bei Missachten des Kommandos wird vom B. aufgefangen, anschliessend stoppt der Baum den Rest.)
- Ihr geht mit Euerem Hund "spüren". Ab in den Wald, weg von den Wegen, Spuren suchen (die Förster mögen mir verzeihen)... sobald Hund was riecht ins "platz" schicken, B. geht zusammen mit Hund in die Hocke, beide lauern - Bällchen fliegt für den Hund nicht vorhersehbar neben ihm vorbei, so dass er es nur aus den Augenwinkeln sehen kann, er muss aber noch ein paar Sekunden liegen bleiben. Dann ein Spurt zusammen hin und toben...
- Postiert jemanden im Wald (unsichtbar für den Hund). Derjenige soll - wenn Ihr ca. 50 m entfernt seit, leise Scharrbewegungen im Laub oder Gebüsch machen, dann Wildtöne (passende Pfeifen gibt's beim Jägerzubehör) imitieren usw. Ihr macht Euere Übungen und geht dann weiter, damit Hund nicht sieht, dass ein Mensch der Verursacher war. Vorsicht: auf Windrichtung achten!!! Wichtig: Bis der Hund die Punkte 1-8 zuverlässig beherrscht bleibt er an einer Schleppleine (bei 10m unsichtbare Leine ist die Schleppleine 11 m lang).
- Erst wenn das alles gut klappt: Informiert Euch in Euerer Umgebung über Wildparks oder Zoos, in der Hunde erlaubt sind und übt dort. Vielleicht hat ja ein Bekannter einen Hasen, den er mal im Garten hoppeln lässt (Euer Hund natürlich an der Leine *grins*)
Habt Fantasie - es gibt noch tausende Übungen in dieser Art, die Ihr Euch selbst überlegen könnt. Das macht richtig Spass.
Die Punkte 2 - 8 werden nacheinander geübt, d.h. es kommt erst dann der nächste Punkt dran, wenn der vorher 100% klappt. Ansonsten ist Misserfolg vorprogrammiert. Wenn Ihr fleissig übt, dann seit Ihr nach ca. 3 Monaten bei Punkt 6 angekommen.
Von 7 - 9 braucht Ihr auch nochmal ca. 3 Monate bei eiserner Arbeit und häufigen Wiederholungen.
Auch wenn das Anti-Jagd-Training sehr viel Zeitaufwand und Arbeit mit dem Hund erfordert lohnt es sich - außer mir haben schon mehr Hundebesitzer das AJT eisern durchgehalten und können ihren Hund inzwischen ohne Leine laufen lassen.