Seele, Denken, Intelligenz, Bewußtsein und Gefühle der Tiere
Die Philosophische Sicht: Bewußtsein und Gefühlswelt
Von menschlicher Sicht aus ist die elementarste Voraussetzung für Denken das Bewußtsein. Denn ein Wesen, das sich seiner selbst nicht bewußt ist, kann sich auch nicht bewußt mit seiner Umwelt auseinandersetzen, also nicht denken.
Und hier scheiden sich die Geister: Während viele Menschen den Tieren ein Bewußtsein zubilligen wird es ihnen von anderen völlig abgesprochen.
Diese unterschiedliche Sichtweise über Intelligenz und Bewußtsein bei Tieren beschäftigt die Menschen schon seit Jahrhunderten.
Aristoteles:(gr. Philosoph 384 - 322 v. Chr. ) meinte, daß es verschiedene Aspekte des Lebens gäbe, und daß verschiedene Geschöpfe mehr oder weniger von jeder dieser Eigenschaften an den Tag legten. Die grundlegendsten Komponenten tierischen Lebens schließen lebensnotwendige Dinge wie etwa die Fähigkeit ein, Nahrung aufzunehmen, Nachkommen zu zeugen und sich in einem Lebensraum zu bewegen. (Also die Grundbedürfnisse) Die verbleibenden Aspekte des Lebens jedoch haben sämtlich mit der geistigen Fähigkeit zu tun oder dem, was wir etwas ungenau den Geist nennen. Zu diesen Fähigkeiten gehört es, die Welt mit Hilfe von Sinnesorganen wahrzunehmen, die Fähigkeit zu Gefühlen und Motivationen, und schließlich die intellektuellen Fähigkeiten, darunter die Fähigkeit, zu lernen, zu argumentieren und zu analysieren. Er vertrat die Überzeugung, daß Tiere und Menschen sich nur graduell, was bestimmte geistige Fähigkeiten angehe, unterschieden.
Thomas von Aquin (13. Jahrhundert) übernahm Aristoteles Vorstellung und setzte als offizielle kirchliche Lehrmeinung die Vorstellung durch, daß sich Menschen und Tiere nur quantitativ (nämlich in dem Umfang, in dem sich ihre geistigen Fähigkeiten Ausdruck verschafften) und nicht qualitativ ( was die Natur dieser geistigen Prozesse angehe) unterscheiden.
Das führte zu einigen Komplikationen, da Philosophen dieser Zeit dazu neigten, Intelligenz und Bewußtsein als beschreibende Aspekte der spirituellen Einheit zu sehen, die wir Seele nennen. Wenn sie also akzeptiert hätten, daß Hunde (oder andere Tiere) Intelligenz besitzen, wäre das für die Gelehrten dem Einverständnis gleichgekommen, daß sie auch Seelen hätten. Eine solche Schlußfolgerung war für viele Theologen und Intellektuelle der damaligen Zeit einfach unannehmbar.
Die Vermischung von Religion mit der Frage nach tierischer Intelligenz hatte unglückselige Folgen. Sie veränderte das wissenschaftliche Denken über Hundepsychologie und besonders das Denken über die Intelligenz von Hunden wurde einseitig, d.h. Tieren wurde Bewußtsein (Seele) und Intelligenz abgesprochen.
Katholische Kirche Anfang 17. Jahrhundert: Das klerikale Establishment (=Oberschicht der politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich einflußreichen Personen) der katholischen Kirche war gerade dabei, seine alten Ansichten, zu überdenken und überlegte, ob man Tieren nicht doch Intelligenz und Bewußtsein zusprechen sollte. Doch obwohl die Kirche sich immer mehr den Ansichten von Aristoteles zugewandt hatte (Tiere und Menschen unterscheiden sich nur graduell bei bestimmten geistigen Fähigkeiten), warf dies große Probleme auf:
Wenn die Kirche den Tieren alle Aspekte des Geistes zugestehen würde, also auch ein spirituelles Leben und eine Seele, dann wären die Tiere auch Anwärter auf ein Leben nach dem Tode und hätten ein Recht auf das Himmelreich.
Konnte man sich den Himmel mit seinem Lieblingshund oder -katze noch vorstellen, war der Gedanke im Himmel auch auf Rinder, Schweine, Spinnen oder Fliegen zu treffen dann doch zuviel. Ein mit so vielen Seelen gefüllter Himmel wäre keine angemessene Belohnung mehr für die Gemeindemitglieder. Außerdem träten ethische (Ethik= Lehre vom sittlichen Wollen und Handeln des Menschen in verschiedenen Lebenssituationen) Probleme auf (z.B. beim Töten von Tieren für die menschl. Ernährung; oder daß man ein Tier zwar einsperrt und ihm einen freien Willen verweigert, es aber auf der anderen Seite Zugang zu Kirche, Taufe usw. haben müßte). Dies würde bald zu einem philosophischen und theologischen Chaos führen.
Also wurden den Tieren generell eine Seele abgesprochen, und folgerichtig daraus mußte man auch alle geistigen Eigenschaften absprechen. Da zur damaligen Zeit die römische Kirche sehr große Macht besaß, den größten Teil von Wissenschaft und Politik kontrollierte und über Menschen, die eine andere Meinung vertraten fühlbare Sanktionen verhängte, gaben die Gelehrten dem Druck der Kirche nach und waren somit unfähig, den Tieren eine Seele zuzusprechen.
René Descartes:(franz. Philosoph 1596 - 1650) faßte dieses Denken in Worte und stellte fest, daß allen Tieren Bewußtsein, Intelligenz oder irgendeine Art von Geistestätigkeit, die dem Geist eines Menschen vergleichbar sei fehlten. Dies wollte er nun auch wissenschaftlich, philosophisch und theologisch belegen. Als Beweis führte er bewegliche, lebensgroße Statuen an, die in den königlichen Gärten von Saint-Germain-en-Laye, dem Geburtsort von Ludwig XIV standen. Er argumentierte, daß der menschliche Körper zwar einen Körper hätte, der der Mechanik unterworfen sei, dazu aber auch eine Seele, die dem Geist unterworfen sei. Wer eine Seele habe, besitzt die Fähigkeit zu denken und zu einem Bewußtsein. Der Unterschied zw. Mensch und Maschine liegt darin, daß der Mensch denkt, eine Maschine nicht. Daraus zieht er den logischen Schluß, daß Tiere (ohne Seele) nicht denken können und daher nichts weiter sind als biologische Maschinen.
Diese Denkweise hat ethische Konsequenzen: Wenn man den Tieren eine Seele absprach (um im Himmel eine Bevölkerungskrise und auf der Erde philosophische Probleme zu vermeiden), dann mußte man auch die Möglichkeit leugnen, daß Tiere Intelligenz, Gefühle, Bewußtsein und alle anderen Merkmale der Geistes besitzen.
Demzufolge wäre das Schreien eines Tieres, das sich verletzt nicht auf Schmerzempfinden zurückzuführen, sondern es wäre so etwas wie das Klirren wenn man ein Glas fallen läßt.
Nicolas de Malebranche (1638-1715) führte Descartes Werk weiter und behauptete: "Tiere fressen ohne Vergnügen, weinen ohne Schmerz, handeln, ohne es zu wissen; sie ersehnen nichts, fürchten nichts, wissen nichts."
Descartes Analyse und Malebranches Ausführungen dienten später zur Rechtfertigung massiver Grausamkeiten gegenüber Tieren. Moralische Bedenken sind unangebracht, da das Leiden und der Schmerz von Tieren nicht real sind.
Charles Darwin (1805 - 1882) revolutionierte diese Denkweise wieder, schloß sich erneut der Meinung von Aristoteles an und stellte fest: der einzige Unterschied zwischen der menschlichen Intelligenz und der der meisten ihrer niedrigeren Vettern unter den Säugetieren "sei graduell und nicht grundsätzlich". "Die Sinne und Institutionen, die verschiedenen Gefühle und Fähigkeiten wie etwa Liebe, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Neugier, Nachahmung, Vernunft etc., deren der Mensch sich rühmt, können sich bei den niederen Tieren in einem Anfangsstadium oder manchmal sogar in wohlentwickelter Form wiederfinden."
Die Behavioristische Position (Beginn des 20.Jahrhunderts)
Behaviorismus = sozialpsychologische Forschungsrichtung, die sich nur mit dem objektiv beobachtbaren und meßbaren Verhalten beschäftigt
Die behavioristische Position nehmen Leute ein, die sich dem philosophischen Erbe Descartes verpflichtet fühlen. Schon der Begriff Behaviorismus deutet darauf hin, daß das tierische Handeln nach - von außen beobachteten Bewegungsmustern und nicht nach inneren Zuständen - beurteilt wird. Wörter wie Verlangen, Absicht, Vernunft usw., die ein bewußtes Denken vermuten lassen könnten, kommen in dem Vokabular der B. nicht vor. Komischerweise sagt ein B. wenn der Hund an der Tür steht nicht "er zeigt eine Verhaltenssequenz, - stehen und jaulen vor der Tür - und ich glaube, daß er der nächsten Gruppe von Reizen außerhalb des Hauses ausgesetzt werden sollte, damit er die erlernte Hemmung nicht überwindet und dem Druck der vollen Blase, den dieses Verhalten ausgelöst hat, in der Wohnung nachgibt", sondern er gesteht dem Hund ein Bedürfnis zu und sagt "er muß mal".
Dennoch lautet die Aussage von Behavioristen: "da wir aus direkter Kenntnis nichts vom subjektiven Erleben oder den Gefühlen eines anderen Lebewesen wissen, muß man davon ausgehen, daß sie kein Bewußtsein oder Gefühle haben.
Die Behavioristische Sichtweise ist wohl für jeden Hundebesitzer unhaltbar. Dennoch kann man mit einem Kopfschütteln darüber hinweggehen - wir wissen es besser.
Ende 20. Jahrhundert
Die Bereitschaft, Tieren ein Bewußtsein zuzusprechen, hat besonders innerhalb der westlichen Bevölkerung stark zugenommen. Immer mehr wird gerade der Hund als vollwertiger Menschenersatz betrachtet. Diese Sichtweise betrifft allerdings nicht Wissenschaft und Religion. Von dieser Seite aus hat sich seit Beginn unserer Zeitrechnung kaum etwas verändert.
Schockiert hat mich folgendes Zitat, vor allem wenn man auf die Jahreszahl schaut:
P.Carruther schrieb 1989 in dem angesehenen "Journal of philosophy" über Tiere: "Da ihre Erfahrungen einschließlich ihrer Schmerzen unbewußt sind, sind diese kein Gegenstand unmittelbarer moralischer Besorgnis. Da alle mentalen Zustände von Tieren unbewußt sind, geben ihre Verletzungen nicht einmal indirekt zu moralischen Bedenken Anlaß."
Bis eine endgültige Klärung des Problems gefunden ist, sollte niemand das Recht haben, nur weil uns irgendwelche Daten fehlen, Tieren Bewußtsein und Intelligenz abzusprechen. Denn es ist für uns Menschen sehr schwer, bei Lebewesen, die keine menschliche Sprache sprechen, Kriterien für Bewußtsein, Gefühle und Intelligenz zu definieren. Und Seele....? Versuchen Sie es einmal: wer weiß genau, was eine Seele ist. Wenn ich gar nicht in der Lage bin, eine Seele zu definieren, dann darf ich sie auch anderen Lebewesen nicht absprechen...
Als Abschluß will ich noch das Denken von all denen, die Hunde als seelenlose, dumme Geschöpfe betrachten, fordern:
Wir lassen unsere Hunde so viele Aufgaben übernehmen, stellen so viele verschiedene Anforderungen an sie und vertrauen ihnen sogar unser Leben an. (Blindenhund, Suchhund, Schutzhund, Jagdhund, Therapiehund, Meldehund....). Und das an ein Wesen Bewußtsein ???