Die einzige Kampfhundrasse ist der Mensch
Wissen setzt die eindeutige Klärung von Begriffen voraus.
Wenn schon das ganze Thema verkrampft wie falsch ist, wie kommt man dann zuerst auf den verstümmelten Begriff "Kampfhunde"? Wenn schon, dann muß es "Hunde - Kampfhunde" heißen. Denn die unbedarften Menschen erschrecken bei dem gebräuchlichen alten falschen Begriff schon deshalb, weil sie ihn auf sich, also Menschen beziehen. "Kampf" kann gegen alle und alles sein.
Selbst die armen Geschöpfe, die tatsächlich zu Hundekämpfen mißbraucht werden, werden nicht "ursächlich" auf Menschen gehetzt. Deshalb schwören doch all diese Kriminellen, ihre Hunde seien so menschenfreundlich. Das will ich naiv hoffen, glaube jedoch eher daran, daß solche verhunzten Hunde in ihrer lebensfeindlichen Prägung und bei selektiert niedrigster Reizschwelle eben im Affekt nicht immer differenzieren können.
Die Reizschwelle ist bei den meisten Terriern nicht gerade die höchste, um es gnädig auszudrücken. Bis auf wenige Schläge (wie Airedale) sind jedoch viele Terrier auf unterdurchschnittliche Beißhemmung selektiert. Jagdterrier werden deshalb dann auf die Sau losgelassen, wenn mancher Vorsteher ausbüchst. Wenn schon olle Kamellen: Vor grauer Untersuchungszeit war die Dominanz - Aggression bei Foxterriers geradezu wurfvernichtend. Kein Wissenschaftler kam damals auf die Idee, diese Rasse in die Reihe der Kampfhunde einzuordnen.
Der Maßstab für eine hohe Reizschwelle ist zum Beispiel ein Irish Wolfhound, manchmal schon an der Schwelle zur Debilität. Freilich sind diese grauen Riesen wesentlich gesellschaftsfähiger als ... na ja, da sind wir mittendrin im Rassenkonflikt.
Alle reden vom eigentlich lieben oder gefährlichen "Kampfhund", höchstens nebenbei vom Verursacher - dem Mensch in der sogenannten zivilisierten Welt.
Es fängt schon bei der Denkweise respektive Schuldzuweisung "Problemhund" an. Es gibt weder eine Kampfhunderasse noch Problemrassen. Nur Kampfhundemacher und Halter, die ihren Hund zu einem schwierigen Hund trainiert haben. Oder Züchter, die aus Hunden degenerierte Objekte machen, die eine Rasse versaubeuteln. Nicht einmal der Begriff des "verhaltensauffälligen" Hundes ist exakt, weil er werten sollte, es aber nicht tut. Denn ein Hund kann auch durch gutes Verhalten auffallen.
Verstehen heißt vergleichen.
Womit wird das Schlagwort "Kampfhund" verglichen? Mit Einzelschicksalen, die unreflektiert zu Pauschalurteilen extrapoliert werden. Die polizeilich erfaßten Vorfälle mit Bullterrier - Varianten sind gegen andere Hundetypen "vernachlässigbar". Dabei ist das verkrampfte Thema ohnehin am falschen Subjekt aufgezäumt. Nur die relevanten Hunderassen sind populistisch getroffen, meinen sollten die Vorverurteiler aber die Menschen, die ausgesucht potentielle Hundetypen zu ihren eigenen neurotischen Projektionen mißbrauchen. Daß bestimmte Hunderassen für diesen Mißbrauch "geeigneter" sind als andere, wird wohl kein Involvierter ernsthaft bestreiten wollen.
Viel interessanter ist die Frage nach den Motiven. Warum wählen manche Hundekäufer aus der Schar von fast 400 Rassen den Rottweiler, Dobermann, Deutschen Schäferhund, Mastino, Bullterrier, Mastiff, Bordeauxdogge, Bullmastiff, American Bulldog, Fila Brasileiro oder die Deutsche Dogge? Und nicht einen Irish Wolfhound, Setter, Retriever, Schlittenhund, Mittelschnauzer oder Neufundländer? Um nur Beispiele an Negativ - und Positiv - Image zu nennen. Warum hat der Boxer inzwischen ein Kumpel - Image, obwohl er mal ein Bullenbeißer war?
Frei nach Brecht: Zwinger zu und alle Fragen offen.
Die einen wählen ihre Rasse trotz des Images, weil etwa ein Bullterrier und seine sichtfreundlicheren Varianten rein körperbaulich das notwendige Ideal darstellen. Kein Hundefreund braucht "mehr" Hund.
Eigentlich.
Die anderen fänden diese genannten Hunderassen durchaus interessant und passend, tun sich aber das abschreckende Luden - und Kampfhund - Image nicht an. Ein kleiner Teil der Käufer hat Mut zum unverschuldeten Image und steht trotzhaft zum Bullterrier - und muß sich fortan mit den Vorurteilen herumschlagen. Wer würde jedoch zugeben, daß er gerade dieses abschreckende Image gern an seiner Seite sieht?
Manches Schutzbedürfnis ist echt (Frauen verstehe ich darin), manches ist vorgeschützt. Als Waffe ist der abschreckendste Hund untauglich. Er taugt zur präventiven Abwehr vor imaginärem Angriff. Ein selbstsicherer Mann braucht keinen Hund vornehmlich als Beschützer. Unter die einschlägige Klientel fallen vermutlich nicht wenige Männer, die es im wirklichen Leben etwas herb getroffen hat, um es mal nett zu formulieren. Sie kompensieren ebenso wie die kinderlose Frau mit einem Schoßhund. Das soll für beide Teile keine Wertung darstellen, aber sie hatten die Wahl.
Doch nicht nur die Rassenwahl ist frei. Auch die Namen sind es. Bezeichnende Beispiele der Nomenklatura: Der Deutsche Schäferhund eines SV - Ausbilders wurde "Killer" getauft; Auszüge aus dem Deutschen Club für Bullterrier (im VDH): "Groundbreaker of the right way", "Mirror Image of Crossguns", "Undertaker"; bei der Gesellschaft der Bullterrierfreunde (im VDH): "Flying Devil", "Geronimos Flash", "Tough Guy`s Exotus", "American Gladiators Famous"; in anderen Vereinen ist gar von "Terminators", "Warriors" oder "Top Guns" die eindeutige Rede. Wer tauft warum seinen Hund so und nicht anders? Ein Heuchler, ein "Kampfhundelügner", der bei diesen unleugbar martialischen Namen an "Nomen est omen" denkt? Keiner verlangt, daß jemand seinen Bully - Zwinger "von den barmherzigen Schwestern" nennt, seinen 50 - Kilo - Rottweiler karikierend "Schwächling" heißt. Nur im Umkehrschluß ist es witzig, wenn ein Chihuahua "Rambo" oder ein Yorkshire "Satan" gerufen wird.
Viele Bully - Zwingeranzeigen werben - nach dem Verlust an eigener Seriosität - mit dem Anspruch: "nur an seriöse Käufer" abzugeben und gegen die pauschale Ruchlosigkeit mit vielversprechenden Leckerle wie "liebevoll in Familie aufgezogen". Wie erkennt man Seriosität? Am Auto, am Zwirn, an den Versprechungen?
Die Geister, die sie rufen, kaufen und handeln unkontrolliert den Versprechungen zuwider. Wie viele Hundekäufer. Gekauft wie in der TV - Serie gesehen. Eine (wesentlich preisgünstigere) Waschmaschine wird vor dem Kauf gründlicher und kritischer geprüft, ob sie zu einem paßt. Da hat nicht nur die "Aktion für bedrohte Hunderassen" noch ein weites Feld psychologischer Überzeugung vor sich.
Wenn man schon im Welpenalter nicht die Jagdveranlagung und das terristische Graben aus dem Terrier vertreibt, dann schlägt man den Teletakt an. Wie paradox: Man will erst einen Terrier und dann seinen Jagdtrieb ausschalten! Das ginge schon bei einem Temperamentsteufel wie dem Irish Terrier oder Kerry Blue kaum. Es sollte aber ein Bullterrier sein, der in Jägers Hand mehr und mehr auf Wildsäue losgelassen wird. Was man die Monate vorher an Ausbildung versäumt hat, wird teletaktisch wieder reingeholt. Der Hund "funktioniert" auf "Knopfdruck". Wer kontrolliert da schon die Dosis der Stromstöße, wenn der Hund beim ersten "sanften" Schock nicht "funktioniert"? Was macht der teletraktierte Hund, wenn er sich außerhalb der theoretischen Bannmeile befindet? Er ignoriert fortan, weil das letzte Antijagdmittel versagt. Und er ist für verständige Mittel ein-für-allemal versaut. Kenner wissen, wie solch geschockte Hunde noch Stunden danach zittern.
Es gibt keine Ausrede: Solche Mittel - Vorstufe Stachelhalsband - sind eine ultimative Bestätigung für Erziehungsversager.
Dies als eindeutige beweisbare Antwort auf bekennende Teletakt - Befürworter gegen Jagdtrieb. Die Bundestierärztekammer wie Helga Fleig (Hundebuchverlegerin und langjährige Bullterrierzüchterin) lehnen diese Methode eindeutig als Erziehungsversagen ab. Ich frage mich nur rhetorisch: Wie trieben es denn all die Jäger, Ausbilder und Halter vor der quälenden Teletakt - Aera?
Und da sind wir wieder mitten in der hundeneurotischen Praxis. Die Tübinger Tierärztin Karin Bendisch klagte über neurotisch beißende Retriever. Kollege Last aus der Kleinstadt Münsingen stellte fest: "Wir kennen keine bösartigen Bullterrier, aber Teckel." Doch alle Hundewelt hackt auf "Kampfhunden" herum und fast keiner weiß: was soll es bedeuten? Es zeichnet ein präventiv vorgetragenes Schreckensbild von einem Bio - Projekt, das oft Phantom, weniger Tatsache ist. Das trifft auch Dobermänner und Rottweiler als hündisches Synonym für Furcht. Leider oft von den Käufern und Rassen - Ausbildern als Image poliert, aber mannhaft verleugnet.
Die Geister, die sie rufen. Canis gratus est et memoria tenet. Der Hund dankt und erinnert - an uns.
Wenn man mit Fug und Recht fordert: Wir brauchen in dieser engen Gesellschaft keine abschreckenden Hunde, dann müßte man auch konsequent weiterdenken: Wir brauchen auch keine Jagdhunde in privater Hand.
Den vorzüglichen Jäger Wolf bejagten wir, bis er beinahe ausgerottet, weil er sich nicht als Haushund zu uns herabließ. Damit er zuerst uns zur Jagd diene. Und jetzt soll er diese ursprünglich nützlichen Eigenschaften als Hausgenosse auf Knopfdruck ablegen? Warum wählen teletaktierende Freunde von Jagdhunderassen (der Bull im Terrier schlägt da kaum durch) nicht einen jagdtrieb - gehemmten, weil arbeitsgeprägt herdenschützenden Hundetyp oder einen menschengeprägten Hütehund?
Das hat der Abkömmling Hund nun von seiner Anhänglichkeit: Eigennützige Menschen transportieren ihre seelischen Mängel (Liebe und Haß sind eng verwandt) auf das anpassungsfähigste Haustier, das sich - wir erinnern uns? - erst seit rund 15 000 Jahren an Menschen angeschlossen hat.
Die meisten Menschen haben ihn immer noch nicht verstanden. Frei nach Nobelpreisträger und Lorenz - Kollege Nico Tinbergen: Der Mensch ist das seiner natürlichen Umgebung unangepaßteste Wesen.
Zurück ins moderne Hundemenschenleben: Einer Dame, die nicht einmal eine ihrer beiden friedvollen Neufundländer - Hündinnen beherrscht (warum hat sie dann gleich zwei?), erzählte ich alter Zyniker von der Abstammung meines Hundes, den sie eben für hübsch und angenehm begutachtet, daß unter seinem Leonberger - Mäntelchen auch - ich genoß die ausführliche Beschreibung - ein English Staffordshire Bullterr... Sie erschrak noch, bevor ich das letzte Stigma vollenden konnte.
In einem sehr ländlichen Dorf zeigen einige "Fachleute" mit den Fingern auf einen 14 Wochen alten Welpen, ein Mix aus Pitbull und Bullterrier: ein Kampfhundle! Im selben Dorf klemmte ein Jagdhelfer seinen Teckel sofort unter den Arm, als er zwei am Verhalten erkennbare Junghunde (Hütehund - Mischlings - Rüde und Dalmatiner - Hündin) sah, die den Dackel kynologisch normal begrüßen wollten. Der Jagdhelfer zückte sein Jagdmesser und drohte wörtlich damit, die beiden Hunde abzustechen. So viel zum Nebenkriegschauplatz des Kampf - Hundemenschen.
Nun zur Schwierigkeit, eine als wissenschaftlich bekannte "Kampfhunde" - Literatur als rasserelevant zu interpretieren. Dorit Feddersen - Petersens Untersuchungsergebnis über die Beißhemmung bei Pitbull Welpen im Jahre 1993, das von einer Münchner Kollegin Petra Metens zitiert wird: "Untersuchungen zeigen, daß Pitbull Terrier Welpen aber wesentlich früher, häufiger und heftiger mit agonistischen (Anm.: tötungsabsichtlichen) Verhaltensweisen auf Sozialpartner reagieren als beispielsweise Welpen des Deutschen Schäferhundes. Die typische Beißhemmung des Hundes ist reduziert." Ich frage empirisch (ém - peirós heißt "erfahren, kundig"): Was ist daran wissenschaftlich (ergo: nachweisbar), wenn man von einigen wenigen Pitbullwelpen auf eine komplette Rasse schließt - und damit Pauschalurteile untermauert?
Zur Praxis: Ein Beispiel zum Beißverhalten des eben angeführten Bully - Mix - Welpen: Beim Spielraufen mit einem nicht minder temperamentvollen und eine Woche ältereren Hovawart - Schäferhund - Welpen über mehrere Treffen zeigt sich die Bully - Hündin zuerst durchaus mit steigernder Beißintention. Wäre zum Beispiel jener Bullterrier - Rüdenvater bei der Erziehung anwesend gewesen, den ich bei den Bullterrier - Züchtern Fleig am Tage vor der Welpenabgabe bei der Erziehung seiner Welpen beobachten durfte - neben dem Rüden auf dem Sofa sitzend - , dann hätte er so gehandelt wie beobachtet: Die aggressive Hündin geschnappt und mal eben kurz "weggeworfen". Genauso machte es der Hundeausbilder. Den Welpen am Genick gepackt, mit "Nein" verknüpft" und kurz weg damit. Seitdem darf die Hovawart - Mix - Hündin auch mal Domina spielen. Der kleine Bully hat Beißhemmung gelernt.
Schüttet man explizit Kampfhunde - Schmäh auf angezüchtete und "hundesport" - ausbilderisch geförderte Niedrigreizschweller wie Malinois? Nein, weil sie sich in den Händen von Hundesportlern befinden, die meist in einem schützenden VDH - Verein sind. Wobei auch diese Hunde nur ein Produkt ihrer Herren sind. Verräterisches Zitat eines Körmeisters: "Man hört von weitem, wie Malinois in den Hetzärmel einschlagen." Aber einige Malinois Hinrichter kören ihre armen Hunde unter anderem mit tierschutzrelevantem Wasserdruck aus dem Feuerwehrschlauch an. Warum scheuen gerade diese prüfungsnotorischen Pseudodienstausbilder vor tauglichen, weil selbstsicheren American Staffordshires? Ein Schelm, der Prüfungskonkurrenz wittert.
Wir wissen es alle: gewisse Rassen haben inzwischen ein abschreckendes Image. Dobermann, Rottweiler, Molosser und Bullterrier aller Art tragen inzwischen - dank vereinfachender und biologisch ignoranter Massenmedien - einen kynologischen "Judenstern". Damit sind dann alle Hunde dieser Rassen gemeint. Diese Kategorisierung hat die geistige Dimension der Güte "Alle - Deutschen - sind - fleißig - blond - und - blauäugig".
Es ist geradezu lachhaft, welche Rassen den "Kampfhunden" zugeordnet werden. Darunter befinden sich asthmatische Bewegungsphobiker wie der English Bulldog, der phlegmatische Sumoringer Mastino Napoleon, der mächtigere Boxer - Verwandte Bullmastiff, der gigantomanische 100 - Kilo - Mastín Español. Da wird in den immer noch herumgeisternden "Gefahrhunde - Verordnungen" ein Tosa Inu aufgeführt, der so selten ist wie ein Indianer auf der schwäbischen Alb. Oder schafsgeprägte Herdenschutzhunde wie jener weiße Riese aus der Türkei, der Akbas, der in einem Dorfschildbürgermeisterstreich trotz Begleithundeprüfungsnachweis als "Kampfhund" erkannt und mit Abschiebehaft bedroht wurde. Es gab natürlich nicht den geringsten Vorfall. Bürgermeisters Grund - ich zitiere: "Der Besitzer könnte beim gemeinsamen Spazierengehen ja mal tot umfallen". Der Besitzer ist etwa 30 Jahre alt und topfit.
Wenn ich Besitzer solcher - siehe die beiden erstgenannten Rassen - drollig verhäßlichten Kreaturen wäre, am besten in Tateinheit prominenter Anwalt für sonstige Prominente, würde ich eine saturierte Schadenersatzsumme gegen persönliche Verunglimpfung und Verleumdung vor der Genfer Menschenrechtskommission einklagen. Mit lukrativen Aussichten.
Es sind nicht nur Verunglimpfungen aus minderintelligenter Ignoranz, von der actiongeilen Boulevardpresse bis aufs Zahnfleisch ausgeweidet und in die ach so tierlieben Wohnzimmersessel dem Fraß als virtueller Snack Ersatz vorgeworfen. Nein, da kläfft der verklärte Hundehaß. Bemerkenswert dabei, daß Deutschland zu den hundefeindlichsten Ländern gehört.
Nur Japaner halten noch weniger Hunde pro Haushalt.
Petra Mertens, Tierärztin für Verhaltenskunde, macht ihr überschriebenes "Kampfhunde - Problem aus der Sicht der Wissenschaft" nicht logischer: Wie viele sind "die Wissenschaft"? Sie zitiert den Veterinärmedizinstudenten Markus Rogen, nach dem Hunde der sogenannten Kampfhunderassen sich generell gut mit Kindern vertrügen: "Die Meinung des Autors (Anm.: er heißt Markus Rogen) kann nicht bestätigt werden. Gerade dominante Hunde neigen dazu, aggressiv auf Kleinkinder zu reagieren." Und: "Man sollte derart pauschale Aussagen vermeiden und Empfehlungen nur nach Prüfung des Einzelfalls abgeben." Eben. Das gilt auch für das pauschale Urteil von Petra Mertens. Und: Von wem kann warum nicht bestätigt werden, daß...? Sie bittet den "zukünftigen Kollegen, seine Meinungen auf wissenschaftliche Basis stellen und auf pauschale, unsachliche Äußerungen zu verzichten". Ist das nun Selbstkritik oder Schuldzuweisung auf die komische Art? Ich erinnere amüsiert an die ethymologische Bedeutung von "Wissenschaft": Es ist eine Ableitung von "wissen", zu dessen Wortwurzel auch "Witz" gehört. Kein Witz!
Die von Petra Mertens zitierten Untersuchungen sagen oft - wie die meisten - mehr über die Untersucher aus auf über die Untersuchten. Statistiken sind irrelevant, so lange sie weder eine große Repräsentanz noch eine lange Testzeit vorweisen können. Zur Wissenschaftlichkeit von Untersuchungen allgemein: Wer fragt für wen warum was wen wann wie oft, inklusive Tendenzen? Ich achte daher nur Langzeitversuche mit vielen unterschiedlichen Typen - Reihen.
Dem Krampf um Kampfhunde hilft aber auch keine Verharmlosung, wie manche Vertreter der "bedrohten Rassen" in polemischem Umkehrschluß à la Boulevard - Medien glauben machen wollen. Die "Kampfhundelüge" ist eine Erfindung der Betroffenen, denn die tatsächlichen Vorfälle, wie immer sie auch interpretiert worden sein mögen, sind nicht von der Presse erfunden worden. Mit dem starken Tobak "Lüge" - womit die pauschale Verunglimpfung gemeint ist - kehrt man das offensichtlich latente Problem nicht unter die Hundehütte. Ich verstehe die bissigen Reaktionen der involvierten Vorverurteilten durchaus. Aber durch Verharmlosung, wie zum Beispiel Vicky Hearns rührende Geschichte "Bandit", wird nicht aufgeklärt über die Vor - und Nachteile der relevanten Rassen, sondern nur neue Unklarheit gestreut.
Pro - Bullterrier - Kämpfer geben ja selbst zu, daß ihre Hunde in Dominanz - Situationen eher aggressiv - und präventiv - vorgehen als andere Hundetypen. In der Hundezeitschrift Wuff 11/96 schreibt Gerald Pötz: "Der American Stafford ist kein Hund, den man auf der Gassi - Wiese ableint, und dann sich selbst bzw. den anderen anwesenden Hunden überläßt. Er braucht ständige Beobachtung, er muß immer unter Kontrolle und abrufbar sein.
Der ideale, wesensstarke Staff sucht zwar nicht den Streit mit Artgenossen, aufgrund seiner rassespezifischen Eigenschaften ist er allerdings auch nicht sehr unterwerfungsfreudig. Wenn er von anderen Hunden angegriffen wird, zeigt er meist weder Gebärden oder Knurren, aber er verteidigt sich sehr nachdrücklich, manchmal sogar schwanzwedelnd." Und: "Er ist allerdings kein Hund für wesensschwache Menschen!" Noch ein einschränkendes Zitat aus dem Artikel: "Aber leider zieht der Am. Stafford auch das Augenmerk von Leuten auf sich, welche keinen freundlichen, unverdorbenen Hund wollen. Leute, die einen mißtrauischen "Beschützer - Hund" wollen, der sich von niemand angreifen läßt."
Diese Passagen eines Bully - Liebhabers aus einem Bullterrier - freundlichen Magazin sagen mehr aus als alle Pauschal - Untersuchungen. Einige Bekenntnisse und die nachfolgenden dürften freilich auch Petra Mertens Meinung bestätigen. Denn die mehr oder minder versteckten Haltungsmotive sind die problematischen.
Der Vorsitzende des "1. American Staffordshire Terrier Club", Thomas Kohlhöfer, beklagt sich in der VDH - Postille Unser Rassehund 8/96 über die fehlende Akzeptanz auf Hundesportplätzen und reklamiert: "Die Hunde sind für die Schutzhundeausbildung hochgradig geeignet. Die Vereinsmitglieder sind dann erstaunt, daß so ein Welpe nach der Zahnung ein Triebverhalten und eine Selbstsicherheit an den Tag legt, als wäre er ein Jahr oder älter."
Da steckt viel Zeugnis drin: Was ist "Zahnung"? Gab es die nicht schon beim Bilden der ersten Zähne? Ein Hund ist nach dem Zahnwechsel kein Welpe mehr, sondern ein Junghund. Verantwortungslos ist es jedoch, einen nach dieser unfachlichen Beschreibung etwa fünf Monate jungen Hund gleich auf Beutebeißen zu trainieren beziehungsweise den Beißtrieb zu forcieren. Terrier sind zwar Frühentwickler, aber dieser fatale Schutzhundler - Ehrgeiz in Tateinheit mit einem potenten American Staff verrät: Ich will so schnell wie möglich einen Schutzhund mit Raketenantrieb. Ich schrieb vor Monaten mal jenem Vorsitzenden Kohlhöfer, der sich über die "Angriffe" von Dorit Feddersen - Petersen beklagte, und riet ihm, er möge doch mit seinen Hunden dieses Image damit bekämpfen, daß er betont auf menschenfreundliche Ausbildung wie Rettungsarbeit schwenken solle. Ich erhielt nie eine Antwort.
Solche Äußerungen wie im offiziellen VDH - Organ polieren die bekämpften Erkenntnisse von Feddersen und Mertens, sie unterstützen geradezu die Bestrebungen nach einem Verbot "solcher Rassen". Und ich gebe zu bedenken, ob das Klagegeheul gegen das Image nicht ein scheinheiliges ist. Die souveränen Bully - Freunde, die sich trotz des Images diesen Hundtyp anlachen und ihren Hund in seinem ohnehin stark ausgeprägten Triebverhalten eher zurücknehmen, haben einen schweren Stand gegen Leute, die den überholten Schutzhundedienst militanter Ausprägung hochhalten, und wenn sie noch so oft von Selbstsicherheit predigen.
Latente Dominanz - Aggression muß nicht nur bei den Terriern - auch die meisten Rottweiler - Züchter und die anderer relevanter Rassen dürfen sich angesprochen fühlen - durch entsprechende Selektion radikal abgezüchtet werden, soll das Thema ad acta gelegt werden. Es liegt an den Freunden der verunglimpften Rassen, das schiefe Bild zu korrigieren, durch Taten wie bevorzugte Behinderten - oder Rettungshundeausbildung. Also durch positive, gezielt menschenfreundliche Arbeit und nicht durch Lamentieren.
Ich möchte eines Besseren belehrt werden, aber ich kenne zum Beispiel keinen Rottweiler, der als Behinderten - oder Rettungshund als ausgewiesener Menschenfreund agiert.
Die Statistik der VDH - Welpeneintragungen 1995 weist jedoch eine starke Zunahme an Rottweiler aus - vierter Platz mit 3242 Welpen. Auf dem 19. Platz rangieren 1331 Dobermann Welpen und erst an 35. Stelle erst der American Staffordshire mit 804 Eintragungen. Lächerlich wenig gegen den ewigen Liebling aller Deutschen, den Deutschen Schäferhund mit 29805 Welpen. In der durchschnittlichen Lebenserwartung liegt freilich der Rottweiler mit dem Berner Sennenhund unrühmlich gleichauf: beide leben - rein statistisch - gerade mal höchstens sieben Jahre. Welchen Aussagewert die Statistik auch immer hat: Diese Lebensdauerdaten sind nicht gerade ein Ausweis für Zuchtgesundheit.
Fazit: Es liegt an den Menschen, wie sie Hunde selektieren, züchten, halten, ausbilden, korrigieren. So lange aber eine "wissenschaftliche" Untersuchung mit dünnen und nicht aussagefähigen 20 oder 30 Testkandidaten als zitierte und nicht erlebte Munition pauschal auf relevante Rassen herhalten muß, so lange wird keine fachlich fundierte Korrektur eines fürwahr überflüssigen Themas eintreten und die betroffenen Züchter wie Halter sich gegen gesicherte Erkenntnisse wehren. Petra Mertens gibt unfreiwillig ein Paradoxon zum besten: "Es zeigt sich hier, daß die Vorurteile gegen den betroffenen Personenkreis zumindest in Einzelfällen durchaus berechtigt sind." Wenn ein Vorurteil "berechtigt" ist, dann ist es bereits ein Urteil. Spott beiseite: Jeder falsche Hundehalter ist einer zuviel. Der Züchter hat die Wahl, wem er seine Welpen zu welchem Zweck anvertraut.
Mir reicht das alles nicht für ein "Rassenurteil". Ich beurteile von Hund zu Hund und - vor allem - von Halter zu Halter. Nur den Betroffenen wünsche ich mehr Ehrlichkeit und mehr Korrekturen statt Lamenti. An die Appetenz beider "Kombattanten" addressiert: Keine nachvollziehbare Theorie ohne erklärbare Praxis. Mit der Bitte um gefällige Verknüpfung.
Ein rumänischer Hirte würde - auf ein solch hunds - föttisches angesprochen - ohnehin nur seinen autochtonen Hund ansehen und schweigen. Weil es nie sein Problem sein wird - sondern eine "kyno - psycho - soziologische Problematik im Hier und Jetzt". Man verzeihe mir - pauschal - meinen Cynismus - es ist nur die Erfahrung eines durch Veranlagung, Theorie und Praxis ergrauten Hundefreundes.
Rainer Brinks
Ich danke Herrn Brinks für seine Erlaubnis, seinen Text auf meine HP zu übernehmen.
Mehr von Rainer Brinks findet Ihr auf seiner sehr empfehlenswerten HP
http://www.hundezeitung.de