Fiffi und das Gretelchen
Eines Tage bekam ich einen Anruf einer völlig verzweifelten Frau:
Sie erzählte mir, dass sie 2 Hunde hätte. Einer wäre vollkommen problemlos aber der Jüngere, nennen wir ihn Fiffi, hätte Angst in Situationen, die vollkommen ungefährlich wären. Obwohl sie ihm schon sehr oft erklärt hätte, dass sie immer auf ihn aufpassen würde, wäre Fiffi nicht bereit, ihr zu glauben und die Ängste würden immer schlimmer.
Schon während die Dame mir dies schilderte arbeitete es in meinem Kopf:
Antwort: "tja, es ist eigentlich immer die gleiche Situation – jeden Abend um punkt 20 Uhr. Jeden Abend das Gleiche. Sie müssen mir unbedingt helfen... das kann so nicht mehr weitergehen... es wird immer schlimmer... ich weiß nicht mehr was ich noch machen soll... der arme Hund zittert von Kopf bis Fuß... er läuft weg und versteckt sich im hintersten Eck... wenn ich ihn rausziehen will knurrt er mich mittlerweile an...."
Ich brauchte mehrere Anläufe bis ich endlich erfuhr, was sich täglich um Punkt 20 Uhr ereignete:
Die Frau spielte ihren Hunden jeden Abend mit Kasperlepuppen eine Gutenachtgeschichte vor und jedes Mal bekam der junge Hund Angst und lief weg. Originalton: "... und stellen sie sich vor - nicht etwa wenn das böse Krokodil kommt, das könnte ich ja noch verstehen - aber nein!!! vor dem lieben Gretelchen hat er Angst."
Ich weiß nicht, ob Sie sich in meine Lage versetzen können... ich biss fast in den Telefonhörer, so sehr musste ich mich bemühen, ernst zu bleiben.
Obwohl mir klar war, dass in diesem Fall ein Humantherapeut besser als eine Hundetherapeutin hätte helfen können, bestellte ich die Besitzerin mitsamt Hunden und Kasperlepuppen zu mir.
Nach vielem gutem Zureden schaffte ich es, dass sie die Gutenachtgeschichte ausnahmsweise schon am Vormittag spielte.
Es war fast nicht zu glauben aber beide Hunde lagen bewegungslos da und beobachteten das Puppenspiel. Auch Fiffi wirkte vollkommen entspannt bis zu dem Moment in dem das Gretelchen in Aktion trat. In derselben Sekunde sprang Fiffi auf rannte mit eingezogenem Schwanz weg.
Rein theoretisch wäre es kein großes Problem gewesen, Fiffi die Angst vor dem Gretelchen zu nehmen aber das Frauchen konnte mit meinen Erklärungen absolut nichts anfangen.
Daher schlug ich ihr vor, sie könnte doch einfach Theaterstücke auswählen, in denen das Gretelchen keine Rolle spielte.
Die Reaktion des Frauchens: "Dass ich daran nicht gedacht habe. Jetzt weiß ich, woher Sie Ihren guten Ruf haben - sie kennen sich wirklich gut mit Hunden aus."
Mit dem Hinweis, als "Honorar" eine Spende in beliebiger Höhe für ein Tierheim zu tätigen konnte ich ein zufriedengestelltes Frauchen entlassen, das ihren zwei Hunden hoffentlich noch viele Jahre um Punkt 20 Uhr eine Gutenachtgeschichte vorspielen wird.