Der menschliche Hund
Natürlich wissen wir, dass unsere Haustiere keine vierbeinigen Menschen sind und dass wir sie niemals so behandeln dürfen. Dennoch ist es sehr schwer, dieses Wissen auch im täglichen Leben umzusetzen.
Besonders für ältere oder allein stehende Personen ist ein Haustier häufig ein Partnerersatz. Sie reden mit ihm, erzählen ihm alle Probleme und fühlen sich getröstet wenn es sich an sie drückt und sie mit treuen Augen anschaut. Dementsprechend versuchen sie, ihrem Partner alle Wünsche von den Augen abzulesen und ihm ein wunderschönes Leben zu bereiten. Zeigt sich das Tier dafür nicht dankbar genug dann bricht für den Mensch häufig eine ganze Welt zusammen.
Vor einiger Zeit rief mich eine ältere Dame an. Sie war nach dem Tod ihres Mannes längere Zeit ganz alleine gewesen und hatte dann einen älteren Kater aus dem Tierheim zu sich genommen. Nennen wir ihn Moritz. Moritz zeigte sich wirklich von seiner besten Seite, schmuste sehr viel, strich ihr immer wieder um die Beine, saß stundenlang schnurrend auf ihrem Schoß und vermittelte ihr tagtäglich, dass er ihr sehr dankbar dafür sei, dass sie ihm ein gutes Zuhause gegeben hatte.
Nach reiflicher Überlegung hatte sie sich nun entschlossen, einem alten Tierheimhund einen schönen Lebensabend zu ermöglichen. Denn wenn schon ihr Moritz so dankbar war – wie stark musste erst das Gefühl eines alten Hundes sein, den sie von seinem Zwingerdasein erlösen würde...
Sie entschied sich für Lady, ein uraltes Hundemädchen.
Leider zeigte sich Lady nicht so dankbar wie das Frauchen es erwartet hatte. Sie lag viel auf ihrem Platz und beachtete das Frauchen gar nicht. Keine Spur von Dankbarkeit... es war schon sehr enttäuschend für die Besitzerin.
Das alles wäre schon schlimm genug gewesen aber mit der Zeit begann Moritz, den Hund systematisch zu provozieren. Lag Lady auf ihrer Decke dann gab es für ihn nichts Schöneres als ganz nah an ihr vorbeizugehen, sie provozierend anzuschauen und auch manchmal mit der Pfote nach ihr zu schlagen. Lady sprang dann auf und versuchte den Kater laut bellend in die Flucht zu schlagen. Es begann eine wilde Verfolgungsjagd durch die ganze Wohnung und mehrmals gingen dabei wertvolle Vasen oder andere Sammlerstücke zu Bruch.
Frauchen hatte dem Kater daraufhin schon mehrmals eine Standpauke gehalten und ihm stundenlang erklärt, dass sie mit dieser Disharmonie nicht weiter leben könne aber der Kater war unbelehrbar. Auch Lady musste sich lange Gespräche anhören, dass sie als die Ältere sich nicht provozieren lassen solle, aber Lady sah dies absolut nicht ein.
Als letzte Möglichkeit wandte sich das Frauchen ans Tierheim und bat eine Angestellte den beiden Tieren zu erklären, wie sie sich zukünftig zu benehmen hätten.
Mit einem Grinsen im Gesicht schickte diese die Dame zu mir weiter – schließlich sei ich die Fachfrau für Hunde und Katzen.
Da sich die Probleme ja nur im häuslichen Umfeld ergaben, arrangierte ich einen Hausbesuch.
Ich fand ein kleines, ehemals schwarzes, jetzt aber infolge des hohen Alters schon stark ergrautes Kleinschnauzermädchen vor, das sowohl fast blind als auch taub war und an mehreren Stellen dicke Krebsgeschwüre hatte. Diverse kahle Stellen im Fell, fehlende Zähne, der ganze Anblick dieses Hundchens ließen auf den ersten Blick erkennen, dass dieses Tier nicht mehr lange zu leben hatte.
Diesen Hund noch mit erzieherischen Maßnahmen „zu quälen“ musste ich strikt ablehnen.
Ich schlug eine räumliche Trennung zwischen Hund und Katze vor damit Lady die letzten Tage oder Wochen ihres Lebens noch in Ruhe und Frieden verbringen konnte.
Davon wollte die Besitzerin allerdings nichts wissen. Schließlich hätte sie beide Tiere von ihrem Zwingerdasein errettet und es wäre wohl das Mindeste, dass sich die beiden benehmen würden.
Alle Erklärungen, dass Tiere anders denken und empfinden als wir Menschen prallten gegen eine Mauer von Unverständnis. Nein, sowohl Lady als auch Moritz sollten ihr den Respekt erweisen, sich in ihrem Haus zu benehmen.
Auch die Hinweise auf den schlechten Gesundheitszustand des Hundes brachten keinen Erfolg – gerade im Angesicht des Todes müsse man sich so benehmen, dass man keine weiteren Sünden begehen würde. Schließlich gab es die 10 Gebote nicht umsonst und das Gebot „liebet Euere Nächsten“ sei bestimmt nicht nur für Menschen gemacht.
Würden die beiden Tiere ihr Benehmen nicht ändern dann müssten sie die Konsequenzen tragen und wieder ins Tierheim zurückgehen. Sie wären dann selbst schuld daran!
Nach über 2 Stunden gab ich meine Bemühungen, die alte Dame zu überzeugen, auf.
Es blieb mir im Grunde genommen nur EINE Möglichkeit, dem alten Hundchen zu helfen – ich musste ihr Zeit verschaffen damit sie entweder von alleine für immer einschlafen würde oder aber vom Tierarzt von ihrem Leiden erlöst wurde. Dies sollte allerdings nicht im Tierheim geschehen.
Also willigte ich ein, mit den beiden Tieren zu arbeiten, stellte allerdings die Bedingung, dass dies 1. vorher sowohl mit dem behandelnden Tierarzt als auch mit dem Tierheim abgeklärt werden müsse und dass 2. die beiden Tiere bis dorthin räumlich getrennt wurden.
Mit diesem Vorschlag war das Frauchen dann Gott sei Dank einverstanden und ich hoffte, dass das Abklären beim Tierarzt und im Tierheim so viel Zeit in Anspruch nehmen würde, dass Lady bis dorthin in den Hundehimmel eingezogen sei.
Es vergingen tatsächlich mehr als zwei Wochen, ohne dass ich noch einmal etwas von der älteren Dame gehört hatte. Ich hoffte, dass sie die Vorteile der räumlichen Trennung erkannt hatte und ihr sowohl der Tierarzt als auch das Tierheim dazu geraten hatten, auf meine Dienste zu verzichten und Hund und Katz weiterhin voneinander fern zu halten.
Als ich schon nicht mehr an diesen Fall dachte, meldete sich die Dame jedoch wieder. Sowohl Tierarzt als auch Tierheim hatten inzwischen ihr Einverständnis dazu gegeben, dass ich den beiden Tieren ein gutes Benimm beibringen dürfe.
Tja, nun rettete mich nichts mehr...
Ich verwies auf meinen übervollen Terminkalender und sprach den festen Termin für eine erste „Sitzung“ in 3 Wochen ab. Puhh, noch einmal ein paar Wochen Zeit geschunden.
Am Tag bevor wir unseren Termin hatten, rief mich abends um 22 Uhr das Frauchen der beiden Streithähne an. Sie war in Tränen aufgelöst und sagte den Termin ab weil sie ein Tier verloren hatte.
Natürlich wollte ich ihr ein paar tröstende Worte sagen und meinte, dass Lady infolge ihres hohen Alters und ihres Krebsleidens den Tod bestimmt als Erlösung begrüßt hätte. Da unterbrach mich das Frauchen mit Tränen in der Stimme: „nein, nicht Lady ist tot sondern Moritz. Er hat Selbstmord begangen und ich bin Schuld daran“.
Sie erzählte mir dann, dass sie die räumliche Trennung der beiden Tiere doch nicht eingehalten hätte. An diesem Abend ärgerte Moritz das Hundemädchen wieder einmal. Als Lady ihn daraufhin laut kläffend verjagte, packte das Frauchen den Kater und zwang ihn, auf ihrem Schoß sitzen zu bleiben. Dann erklärte sie ihm noch einmal, dass sie so ein Verhalten in ihrem Haus nicht dulden würde. Die Standpauke endete mit den Worten „und jetzt überlege ich mir, ob ich dich nicht morgen wieder ins Tierheim zurückbringen werde“.
Daraufhin sei ihr der Kater vom Schoß gesprungen, wie ein geölter Blitz zur Terrassentür hinaus gerannt und hätte sich vor ein vorbeifahrendes Auto geworfen.
Nach mehr als 1 Stunde Telefongespräch konnte ich die alte Dame endlich davon überzeugen, dass Moritz keinen Selbstmord begangen hatte sondern dass es lediglich ein tragischer Unglücksfall gewesen sei. Ich überzeugte sie davon, dass sie nun stark sein müsse um Lady die letzten Tage ihres Lebens noch wunderschön zu gestalten und dass sie bis zum Lebensende von Lady kein weiteres Tier als Ersatz für Moritz zu sich nehmen würde.